Innerhalb des Portfolios von Stellantis ist Alfa Romeo keineswegs der einzige "Low-Performer". Auch Chrysler und Vauxhall stehen nicht gerade auf dem allerfestesten Boden. Bei einer Veranstaltung der Financial Times gab Stellantis-CEO Carlos Tavares nun bekannt, wie er mit seinen Sorgenkindern zu verfahren gedenkt. Jeder einzelnen Marke werde ein Zeitfenster von zehn Jahren eingeräumt, um sich zu bewähren. Die Markenchefs müssten sich innerhalb dieser Zeitspanne eine klare Vorstellung von Markenphilosophie, Zielgruppe, Markenkommunikation und genereller Zielsetzung machen. Nach Ablauf der Frist werden die Karten auf den Tisch gelegt und über die Zukunft des jeweiligen Herstellers entschieden.
Warum gerade Alfa zittern muss, zeigen die Zahlen. Es ist immer wieder eine überraschende Meldung: Mit den Bilanzen kommt die Erkenntnis, dass Lancia von nur einem Modell allein in Italien (Ypsilon) mehr absetzt als Alfa Romeo in komplett Europa. In dieser Deutlichkeit muss man das auch als Motorjournalist erstmal sacken lassen. Die Kultmarke Alfa Romeo am Abgrund? Dabei sind die Autos doch schon immer solche Schönheiten.
Neuer CEO bei Alfa
Die neue Aufstellung unter dem Dach von Stellantis könnte also ebenso gut Renaissance wie Resignation bedeuten, doch die zahlreichen Fans dürfen erstmal aufatmen. Die Tatsache, dass nun Jean-Philippe Imparato, ehemaliger Markenchef von Peugeot, die Geschicke der angeschlagenen Italiener leitet, könnte frischen Wind in die Segel blasen. Imparato hatte zuletzt bei Peugeot die Einführung wichtiger Schlüsselmodelle wie den SUVs 3008 und 5008, sowie der neuen Generation von 208 und 2008 erfolgreich betreut. Der bisherige Alfa-Chef Timothy Kuniskis wechselt innerhalb von Stellantis nun an die Spitze der Marken Dodge und Chrysler.

Auf einer Pressekonferenz bestätigte zudem Stellantis-Boss Carlos Tavares, dass man sich genau anschauen werde, wie Alfa Romeo und übrigens auch Maserati, wieder in den Bereich des profitablen Wachstums manövriert werden könnten. Er sehe auch den großen Wert der Marken für Stellantis und verspreche sich vom neuen Mutterkonzern mehr Effizienz in Produktion, Einkauf und Entwicklung. Damit dürfte er Recht behalten, schließlich ist dieses Prinzip in der Automobilbranche gängige Praxis.
Bringen SUV die Rettung?
Aktuell finden sich im Portfolio von Alfa Romeo nur noch zwei Modelle – die Giulia und ihr SUV-Pendant Stelvio. Die Produktion der kompakten Giulietta war Ende letzten Jahres ausgelaufen. Insgesamt gelang Alfa Romeo im kompletten Jahr 2020 in Europa ein Absatz von 36.526 Autos. Etwa so viele VW Golf rollen bei Volkswagen in einem Quartal vom Hof – und das nur in Deutschland. Um zudem den eingangs erwähnten Vergleich zum ausschließlich in Italien angebotenen Lancia Ypsilon zu ziehen: 2020 fand der Kleinwagen 43.000 neue Käufer.

In der zweiten Hälfte 2021 soll der bereits vorgestellte Kompakt-SUV Tonale dabei helfen, die Zahlen zu heben. Dieser Plan könnte angesichts des nach wie vor boomenden Segmentes aufgehen, wobei das auch stark von der Einpreisung abhängen dürfte. Hier steht Alfa Romeo nämlich vor einem Kernproblem. Die Giulia ist gut 10.000 Euro teurer als ein vergleichbar ausgestatteter BMW 330i M Sport, dabei allerdings technisch und in puncto Ausstattung keinesfalls auf dem Niveau der Münchener. Gelingt es Alfa nun, bei den kompakten SUV ein attraktives Angebot zu platzieren, könnten die Kassen wieder lauter klingeln. Wenn man den Gerüchten glauben darf, könnte 2023 dann noch ein kleiner SUV auf der PSA-Plattform CMP zum Portfolio stoßen.
Bevor die Traditionalisten nun empört die Nase rümpfen und sich eine Träne aus dem Augenwinkel reiben, müssen wir uns eines vor Augen halten: Gelingt es Alfa Romeo nicht Gewinne zu erzielen, wird es künftig überhaupt keine Chance mehr auf automobile Schönheiten der Kultmarke geben. Wenn nun also zwei SUV-Modelle bei der Sanierung helfen müssen, dann sei es eben so. Bis Sie das verdaut haben, können Sie sich in unserer Fotoshow mit den Legenden der Marke ablenken, und einen virtuellen Rundgang durch das Museum in Arese machen.