General Motors ist der viertgrößte Autokonzern der Welt. 2021 haben die Amerikaner weltweit 6,3 Millionen Fahrzeuge abgesetzt. Die Nummern eins (Toyota mit 10,5 Millionen) und zwei (Volkswagen mit 8,58 Millionen) scheinen zwar enteilt zu sein. Aber Hyundai, das mit 6,85 abgesetzten Fahrzeugen den letzten Podiumsplatz belegt, scheint in Reichweite zu liegen. Gleichzeitig ist GM der Stellantis-Konzern (6,14 Millionen Einheiten) dicht auf den Fersen.
Auf den ersten Blick überraschen die Zahlen kaum. Denkt man jedoch intensiver darüber nach, poppt zumindest ein Fragezeichen auf: Wie können die Amerikaner derart viele Autos verkaufen, wenn sie in Europa fast überhaupt nicht präsent sind? Seit sie 2017 Opel an den damaligen PSA-Konzern (heute Teil des Stellantis-Universums) verkauften, bieten sie in Europa nur noch Exoten wie die Corvette oder einzelne Cadillac-Modelle an. Doch das soll sich ändern, wie General Motors nun offiziell mitteilt.
"Die Zeit ist reif"
"Europa ist Vorreiter der Mobilitätsrevolution, und wir glauben, dass jetzt die Zeit reif ist, unsere Präsenz in der Region zu vergrößern", sagt Mahmoud Samara, der neue Präsident von GM Europe, dem Fachblatt "Automobilwoche" zufolge. Diese Revolution sei von der E-Mobilität getrieben. "Nirgendwo wächst der Markt für Elektroautos schneller als in Europa", ergänzt Samara, der binnen zehn Jahren eine Verfünffachung des Gesamtvolumens erwartet.
"Wir haben die richtigen Produkte, Services und Technologien, um die europäischen Ambitionen zu erfüllen", fügt der GM-Europa-Chef hinzu. Welche Produkte zu welchem Zeitpunkt nach Europa kommen, will er zwar erst im kommenden Frühjahr verraten. Doch wir wissen: Der Cadillac Lyriq ist ziemlich sicher dabei. Wie ein Sprecher auto-motor-und-sport.de zu einem früheren Zeitpunkt bereits bestätigte, wird der etwa fünf Meter lange Elektro-SUV mit einer Leistung von bis zu 500 PS, ungefähr 500 Kilometern Reichweite sowie 190 Kilowatt maximaler Lade-Power offiziell seinen Weg nach Deutschland finden.
Chevrolet E-SUVs für Europa interessant
Mit dem Celestiq stellt Cadillac zudem bald eine superexklusive Elektro-Limousine vor, die grundsätzlich ebenfalls zum Europa-Portfolio gehören könnte. Mit Preisen zwischen 200.000 und 300.000 Dollar würde das Modell jedoch eher die Rolle eines Imageträgers spielen; große Absatzzahlen wird der wohl ohnehin limitierte Celestiq nicht erreichen.
Doch da gibt es noch andere Kandidaten im weiten GM-Konzernreich. Die Volumenmarke Chevrolet hat in den USA gleich mehrere schicke Elektro-SUV in der Pipeline, die man sich auch gut auf europäischen Straßen vorstellen könnte. Sie alle nutzen die äußerst variable Ultium-Plattform, die viele Antriebs-Optionen und unterschiedlich große Batteriepakete erlaubt. Im Sommer 2023 führt Chevrolet in den USA beispielsweise den Blazer EV ein, den es mit Front-, Heck- und Allradantrieb geben wird. Die Topversion mit der Zusatzbezeichnung SS kommt auf 410 kW (557 PS) und maximal 878 Newtonmeter. Die Reichweite gibt der Hersteller mit 466 Kilometern an.
Was ist mit Equinox und Bolt?
Eine Nummer kleiner ist der Equinox EV, den Chevrolet ab Herbst 2023 in den USA direkt gegen den VW ID.4 positionieren will – und etwas später vielleicht sogar in Europa? Auch er nutzt die Ultium-Plattform und kommt als Fronttriebler auf 213 PS und maximal 328 Newtonmetern, während er als Allradler mit 294 PS und höchstens 469 Newtonmetern unterwegs ist. Die Reichweite beträgt bis zu 483 Kilometer.
Theoretisch könnte Chevrolet seinen künftigen europäischen Kundinnen und Kunden auch in der Kompaktklasse ein elektrisches Angebot machen. In der Heimat bietet die Marke den Bolt EV, Zwilling des einst angebotenen Opel Ampera-E, und dessen Crossover-Version Bolt EUV an. Doch die Karriere des Modells steht unter keinem guten Stern: Obwohl GM den Bolt nach einem Brand- und Rückruf-Desaster kürzlich technisch komplett renoviert hat, soll er US-Medien zufolge schon recht kurz vor der Ablösung stehen. Einerseits dürfte der Name inzwischen – im wahrsten Sinne – verbrannt sein. Andererseits nutzt der Bolt in seiner aktuellen Darreichungsform eine eigene Plattform, was unrentabel ist. Ein Nachfolger dürfte auf eine kleine Version der Ultium-Architektur wechseln – und erhielte damit automatisch eine Europa-Perspektive.
Hummer nach Europa? Unwahrscheinlich!
Eher unwahrscheinlich ist dagegen, dass General Motors seine großen Ultium-Brecher östlich über den Großen Teich entsendet. Das Absatzpotenzial für ein Modell wie den Elektro-Pick-up Chevrolet Silverado EV, der zum Jahresbeginn 2023 in den USA startet, dürfte in Europa sehr überschaubar sein. Ähnliches gilt für den dort bereits erhältlichen GMC Hummer EV (siehe Video nach dem ersten Absatz), den es in den Vereinigten Staaten sowohl mit Pritsche als auch als SUV gibt. Den Hummer könnte man sich allenfalls – analog zum Cadillac Celestiq – als Imageträger vorstellen.
Ebenso fraglich ist, ob der Konzern die künftigen Elektro-Modelle seiner Tochter Buick nach Europa schickt. Hier gibt es zwar noch nichts Konkretes; aber diverse Konzeptstudien wie der Electra-X Crossover, der Wildcat EV oder der Enspire All-Electric weisen darauf hin, dass die Marke nicht nur technisch, sondern auch beim Design einen großen Schritt nach vorne machen könnte. Was ehrlicherweise aber auch nicht so schwierig wäre: Aktuell bietet Buick in den USA vorrangig alte Opel-Modelle mit eigenem Logo an. Bevor Buick also noch Europa kommt, dürfte GM erstmal genug damit zu tun haben, der Marke daheim neues Leben einzuhauchen.