Eigentlich sind Kalifornier ziemlich abgehärtet, wenn es um ungewöhnliche Fahrzeuge geht. Aber angesichts dieses türkisfarbenen Volkswagen sind sie völlig aus dem Häuschen: Nicht mal eine Meile weit kommt man ohne mit Applaus, nach oben gereckten Daumen oder einfach nur ausgelassenem Lachen bedacht zu werden. So etwas wie den VW Jolly haben die Amis noch nicht gesehen. Und damit sind sie nicht allein: Der Käfer ohne Türen, dafür jedoch mit Pavillon-Dach und Korbgestühl ist ein Einzelstück.
Jolly? Wer beim Namen erst mal an Fiat denkt, liegt richtig. Das Konzept für ein luftiges Spaßauto wurde erstmals mit einem Fiat 500 in die Tat umgesetzt. Der Legende nach wünschte sich 1957 Giovanni Agnelli quasi ein landgängiges Beiboot für seine Yacht. Und wozu ist man Fiat-Vizechef, wenn sich solch ein Wunsch nicht realisieren ließe? Kurzerhand wurde die Turiner Karosserieschmiede Carozzeria Ghia mit der Aufgabe betraut, und bald hatte Agnelli einen wunschgemäß gestrippten Cinquecento mit Korbstühlen.
VW Jolly bietet Strandkorb-Feeling mit 30 PS
Da seine nicht minder vermögenden Freunde das Gefährt äußerst schick fanden, entstand bald eine Kleinserie für die Schönen und Reichen. Und in Wolfsburg offenbar die Idee, mit der wenig preissensiblen Klientel eine schnelle Mark zu machen. Also erstellte Ghia noch ein Konzept, und Karmann in Osnabrück befreite einen Käfer von überflüssigem Metall. Anders als man vermuten könnte, dient nämlich kein Cabrio als Basis. Ein umlaufender Rohrrahmen und ein im Vergleich zum Serien-Käfer höherer Schweller stabilisieren die Restkarosse des VW Jolly. Wie beim Vorbild sitzt die Besatzung auf luftigen Korbmöbeln.
Die Sonne Kaliforniens strahlt, breite Sandstrände säumen den Straßenrand – es gibt schlechtere Tage und Orte, um dem Museumsstück ein wenig Auslauf zu gönnen. Der 30 PS starke 1,1-Liter-Vierzylinder-Boxer im Heck des VW Jolly brummt zufrieden, als es von Santa Monica gen Norden auf den Highway Number One geht. Dass derzeit noch Winter herrscht, merkt man kaum. Schließlich nerven in Südkalifornien weder Schnee noch Regen, allenfalls vereinzelt zäher Nebel an der Küste.
Pavillondach kämpft gegen den Wind
Doch dank einer beständigen Brise aus den Weiten des Pazifik verziehen sich die grauen Schwaden schnell. Über die Wetterbedingungen herrscht im VW Jolly jedenfalls Klarheit: Luftiger als in diesem Spaßmobil sitzt man in kaum einem Auto. Durch das Geflecht des Korbgestühls gelangt die Frischluft an jede Stelle des Körpers. Angenehm bei hohen Außentemperaturen, beim Durchqueren von Nebelbänken hingegen – na ja.
Das Pavillondach des VW Jolly bringt auf zügigeren Etappen Abwechslung in die Fahrt: Ab Tempo 80 zerrt der Wind so stark an der Stoffbahn, dass sich immer wieder Querstreben aus der Verankerung lösen. Also heißt es regelmäßig rechts ranfahren und das Ganze befestigen. Angesichts des Alters dieses Prototyps lässt sich darüber großzügig hinwegsehen. Außerdem könnte man den Sonnenschutz am VW Jolly ja einfach ganz entfernen.
VW Jolly fällt auf und gefällt
Ohnehin fällt schon nach wenigen Meilen auf dem Highway auf, dass man hier in einem Showcar und nicht in einer Fahrmaschine sitzt. Der VW Jolly erzieht zu sehr zurückhaltender Gangart, und zwar nicht nur wegen des zahmen Boxers im Heck. Die Korbstühle bieten keinerlei Seitenhalt. Gurte und Türen glänzen durch Abwesenheit. Nur kräftige Arme und eine solide Befestigung des Volants verhindern bei forcierter Kurvenhatz einen Abflug des Piloten. Vermutlich hätte das Kraftfahrtbundesamt für eine Serienzulassung des VW Jolly noch ein paar Verbesserungsvorschläge gehabt.
Doch so weit kam es dann doch nicht. Vielleicht auch deshalb, weil ein Käfer Cabrio für deutsche Wetterverhältnisse dann doch die vernünftigere Wahl war. Immerhin: Das Thema war zumindest bei Karmann nicht ganz vergessen, wie wenige Jahre später die Buggys bewiesen. Mit denen fällt man heute aber weit weniger auf.