Rennserie Extreme E: Motorsport oder Öko-Luftnummer?

Motorsport oder Öko-Luftnummer?
Wir müssen über Extreme E reden!

Motorsport gehört zur DNA meines Arbeitgebers. Genau deshalb sind wir Extreme gewohnt. Die Motorsport-Welt, in der sich meine Kollegen bewegen, ist extrem schnell, extrem teuer, extrem stark, extrem spannend, extrem erfolgreich – aber eben auch extrem ressourcenintensiv. Und dabei spielt es überhaupt keine Rolle, ob die Rennwagen elektrisch fahren, oder sich literweise Hochoktan-Feuerwasser durch die Brennräume jagen. Es ist grundsätzlich ein ökologischer Wahnsinn, einen internationalen Rennzirkus kreuz- und quer über den Globus zu schicken. Dafür braucht es keine aufwändige CO2-Bilanzrechnung.

Extreme E
Extreme E

Ein ökologisch korrektes Offroad-Abenteuer?

Alejandro Agag sieht das ein wenig anders. Der Spanier hat vor Jahren die Formel E erfunden und bringt im März 2021 seine nächste Idee an den Start: die Extreme E. Ein angeblich ökologisch korrektes Offroad-Abenteuer, das auf die Gefahren des Klimawandels aufmerksam machen will. Dafür könnte man Organisationen unterstützen, die sich jeden Tag mit schmelzenden Gletschern, steigenden Meeresspiegeln, abgeholzten oder abgebrannten Urwäldern, verstärkter Wüstenbildung oder Boden-Erosion beschäftigen.

Man kann sich aber natürlich auch einen Elektro-SUV ("Odyssey 21") entwickeln lassen, und den 544 PS starken Offroader dorthin schicken, wo es unserem Planeten so richtig weh tut: Nach Saudi-Arabien in die Wüste Al-Ula Sharaan (Wüstenbildung). In den Senegal (Plastikmüll und steigende Meeresspiegel). Nach Grönland (schmelzende Polkappen). In den brasilianischen Urwald (Abholzung). Nach Feuerland (schmelzende Gletscher).

Extreme E
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Ist das Motorsport?

Dort kämpfen dann die 9 Teams (jeweils besetzt mit einem weiblichen und einem männlichen Piloten) um Punkte. Die Rennen ("X Prix" genannt), werden über zwei Runden mit je 16 Kilometern Distanz gefahren. Mehr ist mit Blick auf die Akkuleistung und die maximale Höchstgeschwindigkeit (200 km/h) kaum machbar. Ob das überhaupt Motorsport ist, darüber darf man sich gepflegt streiten. Wahrscheinlich schon. Rallyecross definiert sich ja auch nicht über maximale Distanzen, sondern über die maximale Show. Eine ökologische Schnapsidee ist die Sache aber auf jeden Fall.

Extreme E
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Segeln war leider zu teuer

Da hilft es dann auch herzlich wenig, dass die gesamte Ausrüstung der Rennserie per Schiff transportiert wird. Dafür wurde mit der St. Helena eigens ein ehemaliges Postschiff der britischen Marine zum schwimmenden Fahrerlager umgerüstet. Ursprünglich sollte der 7.000-Tonnen-Kahn mit Hilfe eines gewaltigen Segels während der Fahrt rund 50 Prozent Treibstoff einsparen. Eine Idee, die aus Kostengründen zwischenzeitlich verworfen wurde. Viel wichtiger (und deutlich bezahlbarer): ein fetziger grüner Anstrich und schlaue Sprüche "NOT ELECTRIC … YET" (Noch nicht elektrisch).

Extreme E
Extreme E

Wir könnten an dieser Stelle noch lange über putzige Eisbär-Fotos und einen wissenschaftlichen Beirat sprechen, mit dem sich die Extreme E versucht, ein ökologisches Feigenblatt zu stricken. Viel wichtiger finde ich es aber, sich anzusehen, dass es Alejandro Agag tatsächlich geschafft hat, Industrie-Partner und international bekannte Motorport-Größen für dieses Projekt zu gewinnen. Aus Deutschland ist Continental dabei, sogar als Gründungspartner. Außerdem stellen noch ABT Cupra XE und HWA Racelab ein Team. Zusätzlich treten Niko Rosberg und Lewis Hamilton mit eigenen Teams an, flankiert von jeder Menge PR-Geklingel. "Hier kann ich meine Liebe zum Motorsport und zum Planeten kombinieren", lässt sich Hamilton zitieren. Und auch Niko Rosberg macht es kein Stück kleiner: "Bei allem, was ich tue, habe ich stets die Nachhaltigkeit im Blick!".