Moderne Menschen nehmen sich häufig vor, die Zukunft zu gestalten. Reiche Menschen gehen einen Schritt weiter und gestalten sogar die Vergangenheit so, wie sie Ihnen gefällt. Wie bei der Effeffe Berlinetta.
Der Reihe nach. Die Brüder (ital. Fratelli) Frigerio aus Verano Brianza nahe Monza sind mit Elektroinstallationen für große Gebäude zu nicht minder großem Wohlstand gekommen. In ihrer Freizeit fahren sie schon seit langer Zeit Rennen mit historischen Alfas, besitzen und pflegen zu diesem Zwecke etliche Modelle aus den 60er-Jahren. Besonders angetan haben es Ihnen aber Sportcoupés der späten 50er, die damals wie Tourenwagen konzipiert waren. Mit diesen Fahrzeugen nahm man am Wochenende an Straßenrennen nach dem Muster von Targa Florio oder Mille Miglia teil, konnte aber unter der Woche problemlos den Alltag bestreiten. Solche Sportwagen entstanden oft auf Basis der Technik großer Marken und mit Karossen aus kleinen Spezialbetrieben. Gerne mit Rohrrahmen und handgeklöppelter Alu-Haut.
Zierliche Abmessungen, große Schönheit
Und genau so was wünschten sich die Brüder Frigerio. Sie spürten alte Karosserieschneider auf, nutzten ihre Kontakte zu Tunern alter Alfa-Motoren und Technik-Gurus für Fahrwerke, brachten das Fahrgestell einer 67er Alfa Romeo Giulia zum Maestro di Carozzeria ihrer Wahl und bestellten Vergangenheit à la carte.
Es entstand die Effeffe Berlinetta (ital. für „(e)F(e)F“, die Abkürzung für „Fratelli Frigerio“, eine Berlina ist ein geschlossener Wagen, Berlinetta ist die Verkleinerungsform). Mit geschweißtem Rohrrahmen und Alukarosse. Per Hand in eine so hinreißende und authentische Form gehämmert, dass die Berlinetta 2014 beim Concorso d’Eleganza an der Vila d’Este in der Kategorie „Prototype and Concept Car“ teilnehmen durfte.
Schnell auf die und der Rennstrecke
Aber die Ästhetik der späten 50er war nicht das einzige Ziel der Konstruktion. Die Berlinetta war von Anfang an darauf ausgelegt, auch auf einer Rennstrecke schnell bewegt zu werden, gut auf der Straße zu liegen und dabei vor allem Spaß zu machen. Der Rahmen aus 60 Millimeter starkem Stahlrohr und die Fahrwerksträger wurden zuvor per CAD berechnet und virtuell etlichen Tests unterzogen. Am Boden und in den unteren Seitenbereichen verstärken Alupanele mit zwischenliegender Wabenstruktur das Fahrgestell.
Der klassische Alfa-Alu-Vierzylinder (der 60er) mit seinen zwei obenliegenden Nockenwellen und zwei Liter Hubraum wanderte hinter die Vorderachse mit Querlenkern und Federbeinen, das Fünfganggetriebe mit Einscheiben-Trockenkupplung schließt sich direkt an und ragt weit in den Fahrgastraum.
Front-Mittelmotor von Alfa Romeo
Zwei Weber-Doppelvergaser fütterten den Zweiventiler ursprünglich auf etwa 180 PS, inzwischen soll die Maschine sich etwa auf der Leistungsstufe der legendären GTA-Version (gut 200 PS) bewegen. Der Zylinderkopfdeckel ist grün – die Farbe eines Ex-Rennfahrers und Motorspezialisten namens Carlo Facetti. Die Fahrwerkskonstruktion der Starrachse mit Wattgestänge hinten stammt ebenfalls von der Giulia, wie die Fahrgestellnummer. Entsprechend wird das auch als Baujahr in den Fahrzeugpapieren stehen, obwohl der Aufbau des Fahrzeugs erst 2013 begann.

Das kleine Coupé wiegt gerade mal 800 Kilogramm und dürfte daher zu sehr ansprechenden Fahrleistungen fähig sein. Wie sich das anfühlt, konnten wir nicht wirklich ausprobieren, aber Platz nehmen durften wir und uns im schicken Retro-Interieur einleben: Leder, Holz und in Wagenfarbe lackiertes Blech am (eben nicht) Armaturen-Brett prägen den Innenraum optisch. Wie zierlich das Auto ist, fällt schon beim Einsteigen auf, das Vorurteil, Italiener seien klein, findet spätestens dann neue Nahrung, wenn die braun belederten Schalensitze an der Hüfte eine Hauch zu eng anliegen. Aber dann liegt die halbe italienische Automobilgeschichte vor einem: Nardi-Holzlenkrad, große Jaeger-Instrumente mit wohlklingenden Wörtern wie Benzina, Olio oder Acqua beschriftet, scheinbar wahllos verteilte Kipp- und Drehschalter und ein paar bunte Kontrollleuchten.
Fahren wär schön
Das Beste: Erklärt bekommen, welcher Kippschalter die Benzinpumpe verheißungsvoll surrend in Gang bringt und dann den Vierzylinder mit seinen offenen Ansaugtrichtern und den kurzen Sidepipes unter der Fahrertür anlassen. Ein paar schnelle Gaspedalbewegungen versorgen die Alumaschine mit Sprit, schnorchelnd holt sie Luft, die 45er-Weber stäuben Benzin dazu, die auffällig zentral im Ventildeckel-Mittelteil stehenden Zündkerzen schlagen Funken und mit Explosionen, die nur ein italienischer Motor so warm tönend und doch kraftvoll inszenieren kann, beschallen die exakt 1.962 Kubikzentimeter Hubvolumen überstreichenden Zylinder die großzügig verglaste Halle der Motorworld Böblingen.
Dort hat auch die Biposto GmbH ihre Verkaufsfläche. Sie hat quasi die Generalvertretung für Effeffe in Deutschland übernommen, ohne dass deswegen viele Berlinette verkauft werden dürften: Maximal 10 Stück pro Jahr wollen die Italiener bauen. Zu einem Preis ab 390.000 Euro. Dafür fertigen sie ein neues Coupé nach alter Machart auf Kundenwunsch mit anderem Motor (modernere Alfa-V6 oder Turboaggregate sind denkbar) oder höherem Dach für große Kunden.