Die Abgasgesetzgebung treibt seltsame Blüten. Der Wechsel von Euro 6d Temp auf Euro 6d beispielsweise zwang BMW, die Leistungsangabe des 2,0-Liter-Vierzylinder-Turbomotors nach unten zu korrigieren. Die Maschine leistete in 2er Coupé oder 3er 184 PS, in Mini Cooper S oder im 2er Active Tourer auf der Frontantriebs-Architektur UKL gar 192 PS.
Inzwischen lautet die Werksangabe für den Cooper S oder das 220i Gran Coupé zum Beispiel nur mehr 178 PS. Preisliste und technische Daten verweisen dazu auf eine Fußnote: "In Abhängigkeit der Umgebungsbedingungen wird eine temporäre Spitzenleistung bereitgestellt, die ca. 10% über der Nennleistung liegen kann. Die Dauer der Spitzenleistung nimmt mit sinkender Umgebungstemperatur zu (bei 25°C ca. 5 s, bei -20°C ca. 40 s)", heißt es da.
Zehn Prozent wären immerhin rund 18 PS. Das reichte in den 50ern noch, um einen Fiat 500 anzutreiben. BMW spricht sogar von "bis zu 17 kW" (23 PS). In den gegenüber einem Cinquecento von einst fast drei Mal so schweren BMW- und Mini-Modellen wird der Fahrer 18 bis 23 PS mehr oder weniger wohl nicht bemerken. Denn es handelt sich ja nur um eine Peak-Leistung, die allenfalls bei Vollgas auf der Autobahn oder beim Überholen auf der Landstraße abgerufen wird – beides nicht die häufigsten und auch nicht die erstrebenswertesten Fahrzustände.

Sauberes Abgas erlaubt Höchstleistung nicht auf Dauer
BMW meint zu den neuen Angaben, man nutze "die Umstellung auf Euro 6d, um das Emissionsverhalten volumenstarker Modell- und Motorvarianten weiter zu verbessern und bereits für mögliche Anforderungen kommender Abgasnormen zu befähigen. Die Maßnahmen werden in den kommenden Jahren sukzessive weiter ausgerollt." Erstaunlich: In erster Linie geht es um Kohlenmonoxid (CO), ein besonders giftiger Abgasbestandteil, der allerdings seit Jahren nicht mehr in größeren Mengen aus dem Auspuff kommt. Was die Auswirkungen der neuen Regelung angeht, verspricht auch der Hersteller: "Im alltäglichen Fahrbetrieb wird kaum ein Kunde einen Unterschied zu Vorgängermodellen feststellen können".
Wirklich langsamer im Sommer?
Andererseits sagen die Bayerischen Motorenwerke: "Dem Kunden steht eine temporäre Leistungssteigerung zur Verfügung, wodurch etwa bei der Beschleunigung von 0 auf 100 Km/h die übliche Leistungsentfaltung und Dynamik vom Kunden abgerufen werden kann." Das bräuchte man nur bedingt, wenn es nicht spürbar ist. Und es wirft die Frage auf: Wenn beim Zweiliter-Motor die in der Fußnote versprochenen dann rein rechnerisch 196 PS beispielsweise nicht für den ganzen Sprint aus dem Stand auf 100 km/h zur Verfügung stehen (BMW 220i: 7,8 Sekunden), lassen sich dann im Winter bessere Beschleunigungszeiten messen? Und verliert eigentlich, wer im Sommer nach fünf Sekunden nicht am Vordermann vorbeibeschleunigt hat, schlagartig um die 20 PS?
BMW sagt: Ja, nach 5 Sekunden (bei Temperaturen über 25° C) wird die Leistung reduziert – aber nicht schlagartig. Die Fahrbarkeit und "Berechenbarkeit" aus Fahrerperspektive habe natürlich bei der Auslegung im Vordergrund gestanden.