Der Unvollendete ist endlich am Ziel seiner (Formel-E-)Träume: Nach zwei schwierigen Formel-1-Saisons und reichlich Pech in seinen ersten Formel-E-Jahren darf sich Stoffel Vandoorne endlich Weltmeister nennen. Der GP2-Titelträger des Jahres 2015 zeigte auch beim Abschiedsrennen seines scheidenden Arbeitgebers eine klinisch saubere und konstante Leistung und resümierte danach gewohnt cool: "Ich war mir sicher, dass Mercedes auch durch die Formel-1-Erfahrung die richtigen Werkzeuge hat, damit ich Titel holen kann. In dieser Saison war ich einfach an der Reihe."
Die Grundlage legte Vandoorne schon in der Qualifikation. Der zweifache Pole-Setter ging vom vierten Platz aus in den Finallauf im Olympia-Park von Seoul. Der letzte verbliebene Titelkonkurrent, Mitch Evans (Jaguar), haderte hingegen direkt zu Beginn und platzierte sich nach einem Mauerkontakt nur auf Position 13. Für den Neuseeländer brauchte es so ein besseres Wunder – oder Wetter-Chaos.

Massencrash auch auf trockener Strecke
Im Gegensatz zu den frühen Vorhersagen blieben die gefürchteten, großen Unwetter bis Rennende jedoch aus, stattdessen herrschten fast 30 Grad und eine Luftfeuchtigkeit von bis zu 90 Prozent. Nass waren so allen voran die durchgeschwitzten Rennanzüge. Pole-Setter António Félix da Costa (DS-Techeetah) ging zunächst als Führender aus einem relativ sauberen Start heraus. Doch nur wenig später kam es wie am Vortag zu einer Massenkarambolage, die aber eher zerkratztes Karbon anstatt eines Auto-Friedhofs wie am Samstag erzeugte. Eine Neutralisierung war deshalb nicht nötig.
In der Form von André Lotterer (Porsche) fand das Durcheinander allerdings wie der Vorfall in Lauf 1 ein namhaftes Opfer. Nachdem der 40-Jährige bereits vor dem Start seine Position zuerst nicht gefunden hatte und widerrechtlich rangieren musste, setzte der beim Crash erlittene Schaden den Schlusspunkt eines harten Abschiedswochenendes im Werksteam der Weissacher. Ob so auch seine Formel-E-Karriere enden wird, ist im Übrigen unklar. Es halten sich Gerüchte um einen Platz beim neuen Porsche-Kunden Andretti Autosport. Offiziell fährt er bislang nur einen LMDh-Renner von Porsche.
Im Anschluss an das kurze Chaos übernahm Edoardo Mortara (Venturi-Mercedes) mit einem mutigen Manöver die Führung, und auch der Andretti-Fahrer Jake Dennis schlüpfte am gold-schwarzen DS von Félix da Costa vorbei. Vandoorne sah sich die Spielchen vor ihm währenddessen vermutlich entspannt an. Angesichts seines vierten Rangs und Evans' parallelem neunten Platz deutete früh alles auf den Titelgewinn hin.

Youngster kriegen sich in die Haare
Mit den ersten Attack-Mode-Aktivierungen nahm das Konfrontationslevel auf dem Olympia-Gelände des Jahres 1988 wieder zu. Porsche-Pilot Pascal Wehrlein und der designiert-ehemalige Weltmeister Nyck de Vries (Mercedes) kollidierten im ersten Abschnitt des Kurses unterhalb des Baseball-Stadions. Wehrlein, dessen gestrandetes Auto danach lange für gelbe Flaggen sorgte, wütete am Funk wenig jugendfreundlich und nahm dabei auch die F1-Ambitionen des Holländers auf: "Ich hoffe, er schafft mit dieser Fahrweise nicht den Sprung in die Formel 1."
Der immer mehr als Teilzeit-Hasardeur verschriene de Vries erklärte im Journalistengespräch ruhig: "Davor war er im Attack-Mode gewesen und ich ließ ihn ziehen. Dasselbe respektvolle Verhalten hatte ich dann von ihm erwartet, aber er wollte lieber gegen mich fahren. Im Zuge dessen berührten wir uns und ich hatte danach einen Reifenschaden." Der Kritik entgegnete er: "Ich habe seine Worte nicht gehört, aber mich interessiert nicht wirklich, was er gesagt hat." Beide ließen auf diesem Weg etwas ihren Frust nach jeweils enttäuschenden Saisonverläufen heraus.

Weitgehend ruhiger Ausklang
Ähnlich wie am Samstag war der Saisonabschluss über weite Teile wenig actionreich. An der Spitze bewies der dominierende Edoardo Mortara, warum er und sein Kunden-Mercedes zu den besten Kombinationen der Gen2-Ära gehörten. Sein Verfolger Jake Dennis unterstrich ähnliches beim BMW-Kundenteam Andretti, das trotz stark verkleinerter Unterstützung aus München mehrere Ausrufezeichen in Saison 8 gesetzt hatte. Der Brite musste am Seoul-Sonntag allerdings noch um das Podium zittern, nachdem er für einen Kontakt mit dem eigentlich überholenden António Félix da Costa im letzten Renndrittel eine recht harte Fünf-Sekunde-Strafe erhielt. Der Portugiese verlor bei dem unglücklichen Zusammentreffen etliche Plätze. Dank schneller Rundenzeiten sollte Dennis nur den späteren Weltmeister Vandoorne virtuell ziehen lassen müssen, der im Laufe des missglückten Duells der anderen so gleich zwei Ränge gewann.
Zu Beginn der zweiten Rennhälfte löste ein Abflug des dritten Deutschen im Feld, Maximilian Günther (Nissan), vorher die einzige Safety-Car-Phase des Final-Laufs aus. Der Allgäuer, der durch sein engagiertes Manöver ein Verursacher des anfänglichen Auffahrunfalls gewesen war, hatte sich in einem späteren Duell mit Lucas di Grassi (Venturi-Mercedes) einen Reifenschaden eingefangen, der ihn uncharmant in die Mauer rutschen ließ. Abseits des Duells zwischen Dennis und Félix da Costa löste der Re-Start keine gravierenden Änderungen aus.

Vandoorne: "Mehr als nur Konstanz"
Trotz seines größten Karriereerfolgs setzte Vandoorne nicht zu Jubelstürmen an. Der Belgier sah dafür nämlich gar keinen Grund. "Ich gehe die Dinge ruhiger an und bin kein Showman. Ich genieße den Moment und reflektiere die vier Jahre lange Reise bis zu diesem Ziel." Ob der gerne als "unvollkommenes Talent" bezeichnete Vandoorne sich nun im Olympiastadion vervollständigen konnte? "Es fühlt sich so an, als ob sich nun alles ausgezahlt hat. Ich wusste immer, dass ich das Talent dafür habe – auch in den schwierigen Phasen meiner Karriere."
"Ich glaube, dass ich durchaus mehr Rennen hätte gewinnen können, wenn ich nicht so tief im Meisterschaftskampf gesteckt hätte. Der Fokus auf die Konstanz kam daher und es wäre auch dumm gewesen, diese Ausgangslage wegzuschmeißen. Im Nachhinein hat sich diese Herangehensweise ja bezahlt gemacht." Vandoorne hatte nur in Mexiko die Punkte verpasst, und das auch nur knapp. Abschließend kündigte er an, den Titel verteidigen zu dürfen. Am wahrscheinlichsten ist wohl ein Wechsel zum neu aufgestellten DS-Team.

Gen3: Kurze Winterpause für Fahrer und Teams
Für die meisten Piloten geht es nun für einige Wochen in eine wohl verdiente Pause. Vorher stehen aber noch diverse Fahrer-Verkündigungen an. Schon in den nächsten Tagen sollen die ersten Entscheidungen veröffentlicht werden. Darunter sind gleich mehrere prominente Wechsel innerhalb der Szene. Für die Kaderplanungen ist auch etwas Eile geboten: In Kürze wird das Testprogramm mit der dritten Fahrzeug-Generation massiv ausgeweitet.
So gab es zwar schon Shakedowns und einige Testtage. Doch den Großteil der Erprobungsfahrten mit den 350-kW-Rennern legte man bewusst in die "Off-Season". Stand jetzt gibt es dann einiges zu tun. Nach den ersten Funktionsprüfungen hieß es, dass die herausfordernde Verbindung aus Einheitsteilen und Eigenbau-Komponenten im Bereich des Motors weitgehend klappe, aber die teamübergreifend genutzten Teile den Erwartungen noch hinterherhinken. Gleich mehrere Herstellervertreter ärgerten sich etwas über die aufgetretenen Probleme.
Über solche Alltagssorgen denkt Stoffel Vandoorne wahrscheinlich erstmal nicht nach. Obwohl er die Rolle des Partytiers klar verneinte, freute er sich "auf einen, vielleicht auch mehrere Drinks mit seiner Truppe." Die bei ihm hoffentlich ausbleibenden Kopfschmerzen könnte er allerdings mit den finalen Worten bei der Konkurrenz ausgelöst haben. Der nun vollkommene Mercedes-Meister grinste verschwörerisch: "Nächste Saison will ich noch stärker sein." Die beginnt Mitte Januar in Mexiko-Stadt.