Die Ausgangslage vor dem großen Saisonfinale auf dem ehemaligen Flugfeld in Berlin Tempelhof hätte spannender nicht sein können. Gleich fünf Piloten hatten noch die Chance, beim letzten Rennen den Titel mit einem Sieg aus eigener Kraft klarzumachen. Doch dann platzte die Spannungsblase bereits nach wenigen Minuten.
Jaguar-Pilot Mitch Evans ging von Startplatz drei ins Rennen und hatte damit die beste Ausgangsposition aller Meisterschaftskandidaten. Doch als die Ampel die Fahrt freigab, kam der Neuseeländer wegen eines Technikproblems nicht vom Fleck. Ausgerechnet Edoardo Mortara, der ebenfalls mit großen Titelhoffnungen gestartet war, konnte nicht mehr ausweichen und krachte Evans ins Heck.
De Vries staubt Titel ab
Um den Trümmerhaufen von der Zielgerade zu räumen, ließ die Rennleitung die rote Flaggen schwenken. Alle Autos mussten sich in der Boxengasse aufreihen. Erst nach knapp 30 Minuten konnte ein zweiter Anlauf gestartet werden. Nachdem zwei Konkurrenten aus dem Weg geräumt waren, hatte nun plötzlich BMW-Pilot Jake Dennis auf Rang acht die besten Chancen auf den Titel.
Doch auch der Rookie musste seine Meisterschaftshoffnungen schnell begraben. Kurz nach dem Restart verlor der Engländer beim Anbremsen der ersten Kurve mit blockierenden Hinterrädern die Kontrolle über sein Auto. Der BMW krachte links in die Mauer und konnte die Fahrt nicht mehr fortsetzen. Nach dem Rennen war nicht ganz klar, ob es sich um einen Fahrfehler oder ein technisches Problem handelte.
Damit blieben nur noch Nyck de Vries und Robin Frijns im Rennen um den Titel übrig. Weil der mit sechs Zählern Rückstand gestartete Frijns aber nach einem verkorksten Qualifying von Startplatz 21 weit außerhalb der Punkteränge unterwegs war, hatte Konkurrent de Vries die Meisterschaft praktisch schon nach wenigen Runden locker in der Tasche.

Mercedes vor Formel-E-Ausstieg
Der Mercedes-Pilot hätte sich sogar einen Ausfall leisten können. Und so ließ der Youngster im Kampf um die letzten Punkte des Jahres auch keine große Vorsicht mehr walten. Nach einigen harten Zweikämpfen und Feindkontakten rollte de Vries am Ende auf einem ordentlichen achten Rang ins Ziel, wodurch er sich sieben Punkte vor Mortara am Ende zum neuen Champion krönte.
Durch das Pech und das Unvermögen der Konkurrenz gelang es Mercedes am Ende auch noch den Titel in der Konstrukteurswertung einzufahren. Sowohl Fahrer als auch Team dürfen sich übrigens erstmals ganz offiziell "Formel-E-Weltmeister" nennen, nachdem der Automobil-Weltverband FIA der Elektroserie dieses Prädikat vor der Saison verliehen hatte.
Die gute Stimmung im Mercedes-Lager wurde nur durch die Meldung getrübt, dass die Silberpfeile die Formel E nach der kommenden Saison schon wieder verlassen werden. Sportchef Toto Wolff wollte den Ausstieg zwar noch nicht offiziell bestätigen, gab aber bereits zu, dass eine Entscheidung zum Engagement der Marke getroffen wurde. Diese solle in den nächsten Wochen dann auch verkündet werden.

Di Grassi und Nato siegen
Bei all dem Wirbel um den spannenden Titelkampf fielen die Sieger der beiden Finalrennen in Berlin etwas unter den Tisch. Am Samstag hatte sich Lucas di Grassi nach einer taktisch cleveren Fahrt den ersten großen Pokal des Wochenendes gesichert. Von Startplatz drei schob sich der Brasilianer früh am zunächst führenden Techeetah-Duo vorbei. In einem spannenden Finale verteidigte Di Grassi den Spitzenplatz dann knapp gegen den Venturi von Edoardo Mortara.
Am Sonntag klappte es dann aber doch noch mit dem Venturi-Sieg. Nach dem großen Chaos in den ersten Runden konnte sich der von Rang sechs gestartete Norman Nato schnell an die Spitze des Feldes setzen und etwas Luft zwischen sich und seine Verfolger bringen. Der erste Formel-E-Sieg des Franzosen geriet bis ins Ziel nie wirklich in Gefahr. Im Verfolgerduell setzte sich Nissan-Pilot Oliver Rowland gegen den Mercedes von Stoffel Vandoorne durch.
Nach dem großen Finale in Berlin macht die Formel E nun für den Rest des Jahres Pause. Erst Ende Januar soll der Elektro-Spaß mit zwei Rennen in Saudi Arabien wieder von vorne beginnen.