Das Duell Lando Norris gegen Max Verstappen hat große Wellen im Fahrerlager geschlagen. Einige Teamchefs nahmen die Sportkommissare unter Beschuss. Bei den Fahrern hielten sich pro und contra die Waage. Doch fast jeder hatte plötzlich einen Vorschlag, wie man die Situation verbessern könnte.
Ein Sportdirektor spottete: "Die Überhol-Richtlinien werden vor jeder Saison überprüft. Die Fahrer sind gebeten, Änderungsvorschläge zu machen. Aber da kam am Anfang des Jahres gar nichts."
Das Fahrerbriefing von Mexiko gab den Piloten erneut die Gelegenheit, auf Grundlage der kontroversen Entscheidungen von Austin Verbesserungen vorzuschlagen. Der Konsens war, dass es so viele unterschiedliche Szenarien gibt, die man nicht alle über einen Kamm scheren kann. Deshalb sind etwas mehr Freiheiten im Reglement erwünscht.

In manchen Kurven - wie T1 in Austin - liegt der Scheitelpunkt weit nach hinten verschoben.
Wer liegt am Scheitelpunkt vorne?
Das Treffen der Fahrer mit FIA-Rennleiter Niels Wittich und den Sportkommissaren dauerte eine Stunde. Die meisten Vorträge gipfelten darin, dass sie fast identisch mit den bestehenden Richtlinien waren. Es gab aber auch konstruktive Ideen. Größter Aktivposten war Charles Leclerc, der eine ziemlich klare Meinung zu den Vorfällen und Strafen in Austin hatte.
So soll künftig nicht mehr strikt danach entschieden werden, wer am Scheitelpunkt die Nase vorne hatte. Außerdem soll es mehr Freiheiten für die Sportkommissare geben, auch wenn dadurch hinterher mehr gestritten wird. Nico Hülkenberg fand es müßig darüber zu diskutieren, wer in Austin am Scheitelpunkt die Nase vorne hat oder nicht. Das ist seiner Meinung nach von Kurve zu Kurve verschieden und manchmal auch gar nicht klar ersichtlich.
"In Kurve 12 in Austin kann man außen herum eigentlich nicht überholen", analysierte der Rheinländer. "Nur wenn du als Erster einlenkst, hast du eine Chance. Dann riskierst du aber, dass dir dein Gegner das Rad reinstellt und du ein Loch im Unterboden hast."

Die meisten Fahrer meinten, dass Norris nicht korrekt überholt hat. Die meisten Fahrer meinten aber auch, dass sich Verstappen nicht korrekt verteidigt hat.
Norris hatte noch Glück
Am Ende meinten die meisten Fahrer, dass Norris seine Strafe zu Recht bekam. Außen neben der Strecke überholen geht einfach nicht. Die vorherrschende Meinung im Fahrerfeld war aber auch, dass Max Verstappen ebenfalls eine Strafe verdient gehabt hätte, weil er Norris neben die Strecke drängte und bei dem entscheidenden Überholmanöver selbst neben der Strecke fuhr.
"Eigentlich hätten beide eine Fünfsekunden-Strafe verdient, weil sie sich neben der Strecke einen Vorteil verschafft haben. Norris hätte für das Überholen noch mal fünf Sekunden bekommen müssen. Die Sportkommissare drückten für das Verlassen der Strecke ein Auge zu und haben Lando damit sogar noch einen Gefallen getan. Mit einer Zehnsekunden-Strafe wäre er noch weiter hinten gelandet", erklärt Aston-Martin-Sportdirektor Andy Stevenson.
Die Fahrer regten auch an, dass die Rolle vom Verteidiger und Angreifen besser definiert wird, weil sie bei der Beurteilung eines Zweikampfes eine wichtige Rolle spielt. Außerdem solle man in kritischen Kurven dem Beispiel des Red-Bull-Ring folgen und wo immer es möglich ist, außen einen Kiesstreifen anlegen. Diese Speed-Fallen wurden bisher aus Kostengründen immer wieder abgelehnt.

Die Schiedsrichter haben bei strittigen Szenen feste Richtlinien, an denen sie sich beim Urteil orientieren können.
Profi-Schiedsrichter machen keinen Sinn
Die FIA und die Sportkommissare wollen sich das Feedback zu Herzen nehmen und die Richtlinien entsprechend anpassen. Das Ergebnis soll den Fahrern beim GP Katar präsentiert werden. Änderungen treten aber erst 2025 in Kraft. Es wäre bei einer laufenden Meisterschaft ungerecht, wenn bei den letzten beiden Rennen andere Regeln gelten würden als in den 22 davor.
Modifikationen an der Rennstrecke sind zwar die einfachste Lösung, doch das ist auch eine Geldfrage. Man kann den betroffenen Strecken nicht einfach eine Investition von zwei Millionen Dollar aufs Auge drücken. Austin wäre mit den Kurven 1 und 12 gleich zwei Mal betroffen. Kies ist nicht nur für Motorradfahrer Gift. Auch bei Track-Days für Privatfahrer sind asphaltierte Auslaufzonen sinnvoll. Dann muss nicht bei jedem Ausrutscher ein Abschlepper ausrücken.
Andy Stevenson nimmt die Sportkommissare in Schutz und findet die Kritik an ihnen ungerecht. "Wir sind alle strittigen Überholmanöver der letzten Jahre durchgegangen und kamen zu dem Schluss, dass die Kommissare fast zu 100 Prozent richtig lagen."
Das liegt auch daran, dass die Schiedsrichter bei jedem Zwischenfall einen festgesetzten Fragenkatalog abarbeiten müssen, der sich an den Richtlinien orientiert. Das ist nicht nur eine Entscheidungsgrundlage, sondern auch Schutz gegenüber Vorwürfen, die Urteile seien nicht konstant.
"Wenn bei einer strittigen Situation ein einziger Aspekt nicht erfüllt ist, geben sie keine Strafe", erklärt Stevenson. Deshalb sei es auch wenig sinnvoll, Profi-Schiedsrichter zu fordern, weil diese die gleichen Fragen beantworten müssten. Da ist wenig Spielraum für Interpretation und damit auch für subjektive Urteile.