Die Serie ist gerissen. Nach neun Siegen in Folge kassierte Red Bull die erste Niederlage seit dem GP Österreich. Max Verstappen und Sergio Perez sahen die Zielflagge beim GP Brasilien nur auf den Positionen sechs und sieben. Das ist für Red Bull ein mittleres Desaster. Die Weltmeister verzettelten sich in Sao Paulo mit der Fahrzeugabstimmung.
Im Rennen besserte sich zwar das Untersteuern. Jedoch waren die Rundenzeiten nur auf den Softreifen einigermaßen konkurrenzfähig. "Auf den Mediums ging es wieder abwärts. Darauf sind unsere Fahrer wie im Rallye-Stil gefahren", seufzte Sportchef Helmut Marko. Obendrauf kam eine früher Rückschlag. Verstappen war beim ersten Restart nach Safety Car mit Lewis Hamilton kollidiert. Der Zusammenstoß kostete ihn den halben Frontflügel und brockte ihm eine Fünfsekundenstrafe ein. Damit war Red Bull seine Speerspitze im Kampf um den Sieg los.

Team-Order schlägt fehl
Als wäre das nicht schon genug gewesen, gab es bei Red Bull auch noch Zoff. Superstar Verstappen verweigerte in den letzten Runden den Befehl vom Kommandostand, sich hinter den Teamkollegen fallen zu lassen. Das hätte Perez zwei zusätzliche Punkte in der Weltmeisterschaft gebracht. Der Mexikaner kämpft um den zweiten Rang gegen Charles Leclerc. Es ist Red Bulls erklärtes Ziel, nach dem Titel in der Fahrer- und Team-WM, die Saison auch auf den beiden obersten Positionen mit seinem Duo abzuschließen. Das ist dem Team in seiner Geschichte noch nie gelungen.
Verstappen kam den Aufforderungen am Funk nicht nach. Weil er vor sich noch Fernando Alonso und Leclerc sah. Und beide noch überholen wollte. Doch selbst als in der letzten Runde auf Start-Ziel abzusehen war, dass er nicht mal mehr den Alpine vor sich würde überholen können, ging der Weltmeister nicht vom Gas. Er rollte 0,495 Sekunden hinter Alonso und 4,024 Sekunden vor dem Teamkollegen über den Zielstrich. Über Funk maulte Verstappen: "Ich habe es euch bereits beim letzten Mal gesagt. Fragt mich das nicht noch einmal. Okay? Ist das klar? Ich habe meine Gründe genannt und bleibe dabei."
Nach diesem Vorfall muss man sich die Frage stellen, wer bei Red Bull der Chef im Haus ist. Und wie es um die Beziehung zwischen Verstappen und Perez bestellt ist. Gibt es da vielleicht Unstimmigkeiten, von denen keiner weiß? Offensichtlich hat Verstappen Narrenfreiheit. Es steht außer Frage, dass er der schnellere und bessere Fahrer ist. Er ist Doppelweltmeister und hat in dieser Saison 14 Rennen gewonnen. Natürlich denken Toprennfahrer fast ausschließlich an sich selbst. Sonst wären sie nicht so erfolgreich. Und doch sollte sich auch ein Überflieger, der Verstappen ist, in den Dienst der Mannschaft stellen, wenn er darum gebeten wird.

Krisensitzung bei Red Bull
Eigentlich hätte Verstappen seinen Teamkollegen an diesem Wochenende sogar doppelt unterstützen können. Auch im Sprintrennen lag Perez hinter ihm. Der Mexikaner hatte am Samstag vorsichtig am Funk nachgefragt, ob man nicht Positionen würde tauschen können. Das hätte ihm einen Zusatzpunkt verschafft. Red Bull verzichtete darauf. Verstappen ging nicht freiwillig vom Gas. In Summe hätte Perez also drei Punkte mehr aus Brasilien mitnehmen können. So zog Leclerc mit ihm gleich. Vor dem Saisonfinale steht es 290:290.
Nach dem Rennen kam es zur Krisensitzung bei Red Bull. Die Teamführung um Christian Horner und Helmut Marko sowie die Fahrer steckten die Köpfe zusammen. Auf öffentliche Kritik wurde verzichtet. "Max wollte Alonso und Leclerc schnappen. Damit hätte er Leclerc in der Weltmeisterschaft Punkte weggenommen", erklärte Marko. Gleichzeitig führte der Grazer Doktor aus, dass sich der Vorfall nicht wiederholen werde. "Max wird alles tun, was ihm möglich ist, damit Sergio in Abu Dhabi den zweiten Platz in der WM einfährt. Das ist unsere Lösung." Das klingt danach, dass sich der Weltmeister im Fall der Fälle in den Dienst der Mannschaft stellen wird.
Der Champion bestätigte es: "Ich gehe nach Abu Dhabi, um zu gewinnen. Wenn sich aber die Chance eröffnet, ihm zu helfen, werde ich es tun." Aus Teamkreisen hören wir, dass sich Verstappen für sein Verhalten beim Team entschuldigt habe. Zwischen ihm und Perez soll es später zu einem Handschlag gekommen sein. Die Worte der Führungsspitze haben offensichtlich gewirkt. Man erinnerte Verstappen daran, dass die Formel 1 kein Wettbewerb für Einzelkämpfer sei, sondern ein Teamsport. Nach dem Motto: Gemeinsam ist man stärker.
Verstappen begrüßte das reinigende Gewitter. "Wir haben alles auf den Tisch gelegt. Ich habe mich erklärt. Das war nichts Neues für das Team. Ich hatte es schon mal gesagt. Wichtiger ist es aber, dass wir alle zusammensaßen und die Sache ausgeräumt haben."