Überholstatistik: Mangelt es der Formel 1 an Action?

Weniger Überholmanöver als 2023
Mangelt es der Formel 1 an Action?

Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast, lautet ein alter Spruch bei der Zahlenanalyse. Und auch bei der Analyse der Werte zu den Überholvorgängen bei den einzelnen Grand-Prix-Rennen, die von der britischen Webseite "racingpass.net" akribisch genau ermittelt wurden, ist eine gewisse Vorsicht geboten, um nicht die falschen Schlüsse zu ziehen.

Vergleicht man die Zahlen der aktuellen Saison mit denen des Vorjahres, dann muss man natürlich erst einmal ein paar Rennen aussortieren. Wegen der Nachwirkungen der Corona-Pandemie wurde 2023 nicht in China gefahren. Dauerregen und Überschwemmungen verhinderten die Austragung des Grand Prix der Emilia-Romagna in Imola.

Dafür stand letztes Jahr das Rennen in Baku schon vor der Sommerpause auf dem Programm. Diese Saison reist der Grand-Prix-Zirkus erst Mitte September nach Aserbaidschan. Diese Rennen werden somit komplett aus der Vergleichsrechnung gestrichen. Also bleiben am Ende noch zwölf Rennen zur statistischen Auswertung übrig.

Oscar Piastri - Lando Norris - McLaren - Formel 1 - GP Ungarn - 21. Juli 2024
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Überholmanöver gehen um 12,7% zurück

Und da stinkt die aktuelle Saison mit 419 Überholmanövern relativ eindeutig gegen die Action aus dem Vorjahr mit 480 Platzwechseln ab – das bedeutet immerhin einen Rückgang um 12,7 Prozent. Um mehr über die Gründe zu erfahren, muss man die Zahlen allerdings etwas genauer unter die Lupe nehmen. Der Rückgang ist nämlich nicht auf alle Rennen gleichmäßig verteilt.

Es gibt mit Suzuka, Montreal und Ungarn auch drei Rennen, bei denen deutlich mehr überholt wurde als im Vorjahr (siehe Tabelle unten). In Suzuka lag die 2023er-Ausgabe deutlich unter dem Schnitt, weil eine längere Safety-Car-Phase zu Beginn des Rennens die Strategie vieler Fahrer vorbestimmt hatte. Dieses Jahr mussten die Piloten stärker mit abbauenden Reifen kämpfen, was zu mehr Platzwechseln führte.

Auch in Montreal waren die Bedingungen schuld daran, dass die Fans in dieser Saison viel Action zu sehen bekamen. Das Wetter sorgte für eine wechselnd-feuchte Piste und mehrere Strategie-Varianten. In Ungarn muss man eher die mageren 16 Überholmanöver aus dem Vorjahr als Ausreißer sehen. Auf der überholfeindlichen Piste gab es vor allem in den Top Ten kaum Verschiebungen.

Charles Leclerc - Formel 1 - GP Belgien 2024
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Größter Einbruch in Belgien

Die Rennen mit den größten Einbußen in dieser Saison waren Miami, Österreich und Belgien. In Miami und Belgien hatte daran vor allem Max Verstappen großen Anteil. Von Mittelfeld-Startplätzen kämpfte sich der Weltmeister jeweils noch zum Sieg. In Österreich war es Sergio Perez, dessen Aufholjagd von Startplatz 15 auf dem Podium endete.

Die größte Diskrepanz zum Vorjahr beim GP Belgien hatte ihren Grund aber nicht nur in der ausgebliebenen Verstappen-Show. Die FIA entschied sich, die DRS-Zone im Vergleich zum Vorjahr um 75 Meter zu verkürzen. Dazu herrschte auf der langen Geraden auch noch ein Rückenwind, der das Überholen erschwerte.

Ein weiterer Grund, warum dieses Jahr weniger überholt wird, heißt Haas. Das US-Team fiel letzte Saison nach ordentlichen Qualifyings meist schnell wegen übermäßig hohem Reifenverschleiß im Rennen zurück. Dieses Jahr können Nico Hülkenberg und Kevin Magnussen über die Distanz besser mithalten und werden nicht so leicht zum Kanonenfutter.

Nico Hülkenberg - Formel 1 - GP Belgien 2024
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Mehr Action trotz schwererem Überholen

Alleine die Überholstatistik kann also keine Aussage über die Attraktivität der Rennen machen. Keiner würde zum Beispiel behaupten, dass Spa-Francorchamps ein Langeweiler-Rennen war, nur weil sich die Überholmanöver im Vergleich zum Vorjahr mehr als halbierten.

Was man aber auf jeden Fall festhalten muss, sind die verkleinerten Abstände im Feld, die automatisch zu weniger Platzwechseln führen. Autos, die auf einem ähnlichen Level unterwegs sind, überholen sich einfach seltener gegenseitig. Auch beim Reifenverschleiß und beim DRS-Effekt gab es in den ersten beiden Jahren der Groundeffect-Ära noch größere Unterschiede.

Solange die Rennen aber spannend sind und es mehr Abwechslung auf dem Podium gibt, muss man sich wohl keine Sorgen über die gesunkenen Überholstatistiken machen. Immerhin haben in dieser Saison zum ersten Mal seit 1990 wieder vier verschiedene Teams mindestens zwei Siege eingefahren. Die strikten Technik-Regeln und das Budget-Cap scheinen das Feld endlich wie geplant zusammenzuführen.