Red-Bull-Geheimnisse: Ähnlichkeiten mit Toro Rosso

Was versteckt Red Bull?
Verdächtige Ähnlichkeit mit Toro Rosso

Red Bull gab sich großzügig. Das Team, das normalerweise für übertriebene Verdunkelung bekannt ist, versuchte sich ausnahmsweise offenherzig zu zeigen. Der neue Red Bull RB20 drehte in Silverstone seine Runden und wurde dabei natürlich aus der Ferne fotografiert, allerdings mit begrenzter Aussagekraft.

Zwei Tage später lieferte das Team Computeranimationen des neuen Autos nach und veranstaltete sogar eine Präsentation im Hauptquartier von Milton Keynes mit einem echten RB20. In den vergangenen beiden Jahren stellte man jedes Mal ein altes Auto in neuer Lackierung als Neuwagen vor.

Red Bull RB20 - F1-Auto 2024
Red Bull

Schwarz auf Schwarz

Für einen Moment dachte man, die drei WM-Titel in Folge hätten die Geheimniskrämer etwas lockerer gemacht. Doch wer genau hinschaute, merkte schnell, dass einem da nur die Hälfte der Wahrheit gezeigt wurde. Der digitale RB20 war in den Bereichen Kühleinlass, Unterboden und Hinterachse stark retuschiert. Dort sah man schemenhaft helle Striche auf schwarzer Fläche.

Der echte RB20 wurde peinlich genau nur von zwei Perspektiven abgelichtet. Von der Seite und leicht schräg hinten. Die Bühne war so dunkel, dass die Konturen des Autos nur ungenau zu erkennen waren. Dort, wo Licht hinfiel, verdeckten Sichtblenden, was man nicht zeigen wollte. Man wird deshalb das Gefühl nicht los, dass es in Bahrain noch die ein oder andere Überraschung gibt.

Schon bei der Nase schöpft man Verdacht. Steckt da noch etwas unter der schwarzen Nasenspitze, die wie eine Karbon-Abdeckung aussieht? Die starke Oberlippe am vorderen Ende der Seitenkasten ließ sich nicht wegretuschieren, doch was steckt darunter? Strömt die Luft durch einen vertikalen Schlitz oder eine horizontale Öffnung in die Kühler, oder gibt es sogar zwei Einlässe, wovon einer eine Art S-Schacht im Stile von Ferrari ist?

Red Bull RB20 - Nase
Red Bull

Wo sind die Kiemen?

Die genau Form der Oberseite der vorderen Venturi-Kanäle lässt sich nur erahnen. Bei der Unterbodenkante noch nicht einmal das. Da brachte Red Bull eine schwarze Leiste gegen neugierige Blicke an. Vom Heck sieht man natürlich gar nichts. Diffusor und Beam-Wing sind aus den gezeigten Perspektiven verdeckt.

Seltsam ist auch, dass weder auf den Seitenkästen noch der Motorabdeckung Kiemen zu erkennen sind, um die heiße Luft abzulassen. Jeder versucht sie zu reduzieren, aber ganz ohne sie auszukommen, wäre eine Meisterleistung. Dafür müsste man das Heck extrem öffnen, was beim Red Bull aber wegen des stark nach hinten abfallenden Plateaus der Motorabdeckung offenbar nicht der Fall ist. Auf der Verkleidung sind jedoch überall Abdeckplatten zu erkennen, unter denen sich im Ernstfall Kiemen verstecken könnten.

Auch bei der Auflistung der technischen Daten ist Red Bull extrem sparsam. Man fragt sich, warum überhaupt etwas kommuniziert wird, wenn es nur Dinge sind, die genau so im Reglement stehen. Selbst bei der Aufhängungsgeometrie gibt sich die Technikabteilung im offiziellen Datenblatt zugedeckt.

Red Bull RB20 - F1-Auto 2024
Red Bull

Geheimnis um Aufhängungen

Pullrod an der Vorderachse ist klar erkennbar. Hinten wird es schon schwieriger. Auf den unscharfen Bildern vom echten RB20 glaubt man fast eine Rückkehr zur Pullrod-Version zu erkennen. Einen Tag nach der Präsentation postet Red Bull auf Instagram, dass es hinten bei Pushrod bleibt. Auf Instagram! Einer Plattform, wo Menschen unterwegs sind, deren Aufmerksamkeitsspanne nicht weiter als drei Minuten reicht. Könnte man das nicht offziell in einer Pressemitteilung machen für Leute, die sich auch für die Technik interessieren?

Toro Rosso war bei der Spezifikation der Aufhängungen von Anfang an mitteilsamer. Das kann das Juniorteam auch sein, weil es um die Vorjahreskonstruktionen von Red Bull handelt. Also vorne Pullrod, hinten Pushrod. Doch beim Rest des Fahrzeugs gibt sich der kleine Bruder aus Faenza fast noch zugeknöpfter als Red Bull.

An die Öffentlichkeit drangen bisher nur stark retuschierte Computerbilder und ein Video vom Filmtag in Misano, das den VCARB 01 in Millisekunden-Sequenzen aus 100 Meter Entfernung zeigt. Doch zwei Dinge sind trotzdem zu erkennen. Die Nase ist genauso schlank und dünn im Profil wie beim Red Bull, und die Seitenkästen tragen einen ähnlichen Überbiss wie das Vorbild. Auf den Renderings hatte der neue Toro Rosso noch eine vorgeschobene Unterlippe.

Toro Rosso VCARB 01 - Misano - 2024
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Konkurrenz wird schimpfen

Da beide Features komplett gegen den Trend gehen, werden sich die Konkurrenten spätestens nächste Woche in Bahrain fragen, wie so viel Übereinstimmung bei den Schwesterteams möglich sein kann. Umso mehr, da die Toro-Rosso-Ingenieure jetzt auch in Milton Keynes sitzen, die Wege also kurz sind. In beiden Fällen handelt es sich um schwer kopierbare Komponenten. Es ist ein Kunststück, mit dieser Nasenkonstruktion durch den Crashtest zu kommen. Red Bull hat es prompt nicht im ersten Versuch geschafft. Alle anderen Teams verbreiterten ihre Nase, um am Profil einsparen zu können.

Auch die dem Seitenkasten vorgelagerte Crashstruktur ist nichts, was einem einfach so in den Sinn kommt. Mercedes hat diesen Trick zum Zurückschieben der Seitenkästen und zum Platzschaffen für den vorderen Bereich des Unterbodens zwar schon 2022 uraufgeführt, doch wegen der bescheidenen Erfolge des Autos lag es nicht auf der Hand, diese Idee zu kopieren. Dass es jetzt zwei befreundete Teams doch gemacht haben, wirft zumindest Fragen auf.