Red Bull speckt ab, kein leichteres Chassis mehr

Red Bull verwirft Leichtgewichtschassis
Aus Schwergewicht wird Modellathlet

GP Italien 2022

Es hätte ein Zweikampf zwischen Ferrari und Red Bull werden sollen. Bis zum GP Frankreich sprach noch vieles dafür, obwohl Max Verstappen schon damals sicher die WM anführte. Seither aber haben der Weltmeister und seine Mannschaft den Nachbrenner gezündet. Verstappen hat fünf Siege in Serie angehäuft. In Singapur kann er die Titelverteidigung bereits klarziehen.

Aus den letzten 13 Rennen hat Verstappen zehn gewonnen. Von 16 Grands Prix bis jetzt elf Stück. In Monza war der Red Bull in der Qualifikation zwar eine Spur langsamer als das rote Auto, dafür über die Distanz jedoch nicht zu halten. Verstappen und die Ingenieure hatten sich für etwas mehr Abtrieb entschieden, was in der Qualifikation schädlich war, dafür im Rennen die Reifen besser konservierte. Man konnte es sich leisten, weil sich der Verlust auf den Geraden in Grenzen hielt. Das effizienteste Auto im Feld hatte trotzdem einen guten Topspeed. Und der Honda-Antrieb schiebt am längsten von allen mit Elektro-Power an.

Max Verstappen - Monza - GP Italien 2022
Wilhelm

Ferraris Gewichtsvorteil weg

Die Red-Bull-Ingenieure haben ihr Auto in den letzten Monaten gezielt dahin entwickelt, das Arbeitsfenster zu vergrößern, statt einfach nur nach mehr und mehr Anpressdruck zu suchen. Dafür wurde viel an Leitblechen am vorderen Unterboden herumgedoktert. Der Abtrieb liegt jetzt in den Kurven konstanter an. Das hilft den Piloten und den Reifen. Weil das Auto weniger rutscht, verschleißen sie über die Distanz weniger.

Der Red Bull geht inzwischen bei jedem Rennen pfleglich mit den Reifen um. Bei Ferrari ist es seit Wochen das Gegenteil. Da erfahren Charles Leclerc und Carlos Sainz, dass die Reifen zu sehr abnutzen. So war Ferrari in Monza fast schon gezwungen, mit Leclerc früh auf eine Zweistoppstrategie zu switchen. Mit der gleichen Taktik hätte Verstappen seinen Widersacher auf der Rennstrecke überholt.

Gegen Bouncing scheint der RB18 als einziges Auto ohnehin immun. Dafür haperte es an anderer Stelle. Doch auch diese Baustelle ist fast geräumt. Seit Saisonbeginn soll der RB18 in etwa 20 Kilogramm verloren haben. Das sind sechs bis sieben Zehntelsekunden auf der Uhr. Das Übergewicht ist ein halbes Jahr später fast weg. Aus einem Schwergewicht wurde ein Modellathlet, der allen um die Ohren fährt. In Fahrerlager-Kreisen heißt es, der Red Bull liege nur noch zwei bis fünf Kilogramm über dem Mindestgewicht von 798 Kilogramm.

Woher kommt die Schwankung? Das Gewicht hängt immer auch von der Fahrzeugkonfiguration ab. Ein größerer Heckflügel für Strecken wie Ungarn oder Zandvoort und mehr Kühlung treiben es beispielsweise nach oben. Wie man hört, hat sich der Red Bull beim Gewicht dem Ferrari angenähert. Auch der F1-75 soll nicht ganz am Mindestgewicht liegen.

Max Verstappen - Red Bull - GP Italien 2022 - Monza
Wilhelm

Kleines Singapur-Update für RB18

Verstappen bestätigte in Monza, dass die Abspeckkur ein entscheidender Faktor sei. "Es war nicht nur das Gewicht selbst. Die Kilos befanden sich dazu an der falschen Stelle. Das hat unser Auto stärker ins Untersteuern getrieben." Das schmeckte dem Niederländer nicht so sehr. Verstappen mag lieber ein Auto, dass mehr Spiel im Heck erlaubt. Der Weltmeister wünscht sich wie beim Ferrari eine bissige Vorderachse und leichtes Übersteuern. Der Wunsch wurde ihm erfüllt.

In Milton Keynes hatte man lange mit der Option eines Leichtgewichtschassis kokettiert. Doch das soll, wie man hört, inzwischen verworfen worden sein. Mit Ballast an der richtigen Stelle wird der Red Bull dann erst 2023 bestückt. Vielleicht nimmt Red Bull von der Option auch deshalb Abstand, weil die Konkurrenz angesichts der Gerüchte aufgeschreckt war. Ferrari-Teamchef Mattia Binotto meinte, seine Mannschaft könne sich im Rahmen der Budgetdeckelung eine so kostspielige Entwicklung nicht leisten.

Red Bull belässt es bei einem weiteren Upgrade in Singapur. Es fällt nicht ganz so groß aus, wie es sich die Ingenieure noch vor Wochen erhofft hatten. Die Budgetobergrenze und das Technik-Regelwerk schränkt sie ein. Es fällt allen Teams schwer, in diesem Korsett größere Sprünge mit dem bestehenden Paket zu vollziehen.

Doch so gut wie Red Bull derzeit drauf ist, braucht es die großen Fortschritte gar nicht. Der RB18 ist auf jedem Streckentyp schnell und siegfähig. Verstappens zweiter WM-Titel ist nur eine Frage der Zeit. Zwei Rekorde könnte er noch brechen. 13 Siege in einem Jahr haben Michael Schumacher (20024) und Sebastian Vettel (2013) geschafft. Und der Heppenheimer hat damals obendrein neun Rennen in Serie gewonnen. Sechs Grand Prix stehen noch aus. Verstappen hat gute Karten.