Das Titeldrama von Abu Dhabi ist abgehakt. Es hat Max Verstappen zum Weltmeister gemacht und Mercedes zwei Monate lang mit der Formel 1 hadern lassen. In dem ganzen Wirbel um die letzten Runden des Finales ging beinahe unter, dass Mercedes zum achten Mal in Folge Team-Weltmeister geworden ist. Das füllt die Kasse, aber von alten Erfolgen kann man nicht zehren, wenn ein neues Reglement alle Uhren auf null stellt. Teamchef Toto Wolff räumt ein: "Wir fangen auf der gleichen Stufe wie alle anderen an."
Der Schuss kann nach beiden Seiten losgehen. "Ich schreibe kein Team ab", warnt Wolff. "Wir haben es bei der letzten großen Regeländerung 2009 gesehen. Wer wie damals BrawnGP die richtigen Schlüsse aus den Regeln zieht, kann plötzlich vorne fahren." Das kann im Prinzip jeder sein. Zumal die in der WM gut platzierten Teams auch noch mit dem Nachteil von weniger Windkanalzeit leben müssen. "Das macht zwischen Platz 1 und 6 in der Theorie einen Unterschied von zwei Zehntelsekunden aus."

Hamilton-Rücktritt nie eine Option
Mercedes will dieses Defizit mit der Qualität und Erfahrung seiner Ingenieure und dem Vorteil besserer Werkzeuge wettmachen. Und mit einer Motivation, die von der WM-Niederlage befeuert wird. "Es ist eine Eigenschaft dieses Teams, auf Probleme und schwierige Zeiten gut zu reagieren", blickt Wolff zurück. Und geht sofort in den Angriffsmodus über. Die Ereignisse von Abu Dhabi sind zu den Akten gelegt, was aber nicht heißen soll, dass sie nicht noch nachwirken. "Wir haben noch eine Rechnung offen. Alle unsere Stellhebel sind auf Volldampf getrimmt."
Lewis Hamilton schickt noch eine Drohung hinterher: "Widrigkeiten machen mich nur stärker. Wenn ihr glaubt, dass ihr in den letzten Rennen 2021 den besten Hamilton gesehen habt, dann wartet, was in diesem Jahr kommt." Der Engländer bestätigt, dass Aufhören nie eine Option für ihn war. "Es gab zwar Momente, in denen ich meinen Glauben in das System verloren hatte, doch ich liebe den Sport zu sehr, dass ich zurücktreten wollte. Was passiert ist, hat mich nur stärker gemacht. Ich lasse nicht zu, dass der Schatten der Vergangenheit auf meine Schultern lastet und schaue nach vorne."
Der Teamchef bestätigt, dass man im Team nie die Sorge hatte, sich nach einem neuen Fahrer umschauen zu müssen. "Aufhören war kein Thema. Das haben die Medien hineininterpretiert, als Lewis abgetaucht ist. Es war uns immer klar, dass er die Zeit braucht, um die Ereignisse von Abu Dhabi zu verdauen und zu verarbeiten. Er hat sich aber schnell wieder gefangen. Lewis weiß, dass der Pokal zu Recht oder zu Unrecht woanders steht und dass er ihn nicht mehr zur zurückholen kann. Jetzt zählt nur noch die Zukunft."

Gesenktes Kostenlimit und Inflation
Toto Wolff äußert sich zufrieden über die von der FIA kommunizierten strukturellen und personellen Änderungen in der Rennleitung, bestreitet aber, dass man das zur Bedingung für das Zurückziehen der Berufung gemacht habe. "Personelle Änderungen werden autark entschieden. Da lässt sich die FIA nicht reinreden. Sie haben aber erkannt, dass diese Schritte notwendig waren. Zwei erfahrene Renndirektoren mit einem Kontrollzentrum als Unterstützung sind ein robusteres System als das, was wir kennen und was zu polarisierenden und schwer verständlichen Entscheidungen geführt hat."
Hamilton nennt es einen ersten Schritt. Das neue System müsse sich aber in der Praxis erst noch beweisen. Das aber, so der siebenfache Weltmeister, sei im Moment zweitrangig. Was zählt ist, den Mercedes W13 ans Laufen zu bringen. Damit beginnt auch für einen Mann mit 288 GP-Starts eine spannende Zeit. So viel kann er bereits nach den Simulatorfahrten verraten: "Die neuen Autos sind komplett anders als alles, was ich bisher gefahren bin."
Deshalb gibt es auch für den Abonnement-Weltmeister Mercedes keine Sieggarantie. Prognosen abzugeben wäre verwegen, meint Wolff. Wie seine Amtskollegen stellt er sich auf den Standpunkt: "Wenn es nicht im ersten Anlauf klappt, werden wir Lösungen finden, Schwächen abzustellen. Das liegt in der DNA dieses Teams."
Der Österreicher räumt ein, dass es in Zukunft immer schwieriger wird, auf Probleme zu reagieren. Der Budgetdeckel sinkt um fünf Millionen Dollar, und gleichzeitig ächzt die Welt unter einer fünfprozentigen Inflationsrate. "Wir müssen uns sehr gut überlegen, wo wir unser Geld investieren. Jedes Upgrade und seine zugehörigen Kosten sind verplant. Müsste man etwas am Konzept des Autos ändern, wird es schwierig."