McLaren unter Verdacht: Wasser im Reifen?

Neue Verdächtigungen gegen McLaren
Trickserei mit Wasser im Reifen?

GP Brasilien 2024

Das Pingpong-Spiel der WM-Rivalen geht weiter. Nach dem Rennen in Baku beschwerte sich Red Bull über einen offensichtlich zu flexiblen Heckflügel-Flap am McLaren. Tatsächlich bogen sich die Flap-Enden ab einer bestimmten Last nach oben und vergrößerten damit die Spalte zwischen Hauptblatt und Flap. Die FIA bat McLaren und zwei andere Teams, das abzustellen.

In Austin feuerte McLaren zurück. Im Fokus stand ein Mechanismus im Cockpit, mit dem Red Bull die Höhe der Unterboden-Kufe bequem verstellen kann. Aus Sicht von McLaren zu bequem. Der WM-Spitzenreiter äußerte den Verdacht, dass man damit im Parc fermé die Vorspannung der Halterung und damit die Bodenfreiheit der Kufe heimlich justieren könne.

Die FIA erklärte den Mechanismus für legal, klebt nun aber vor jedem Parc fermé ein Siegel über die Stellschraube, die nur mit einem Werkzeug zugänglich ist. So soll den Betrugsvorwürfen die Grundlage entzogen werden.

Mercedes - Pirelli-Reifen - GP Abu Dhabi 2023
Wilhelm

FIA prüft die Vorwürfe

In Brasilien war wieder Red Bull in der Rolle des Anklägers an der Reihe. Diesmal geht es um das Einfüllen von Wasser in den Reifen. Der Trick soll helfen, die Reifen über lange Distanzen von innen besser zu kühlen. Das Wasser soll über die Ventile eingespritzt werden. Angeblich erzielen schon kleine Mengen den erwünschten Effekt. Mehrere Teams sollen von dieser Praxis im Longrun profitieren, unter anderem auch McLaren.

Die FIA prüft die Vorwürfe bereits. Bei den beiden letzten Rennen in Austin und Mexico-City war es zu keinen verdächtigen Beobachtungen gekommen. Pirelli müsste die geringsten Unregelmäßigkeiten bei den Technikkommissaren der FIA melden. Laut dem italienischen Reifenhersteller gab es in diesem Jahr aber noch keinen einzigen Verdachtsmoment.

Von der FIA will sich niemand offiziell zu dem Fall äußern. Hinter vorgehaltener Hand ist aber zu hören, dass man die Geschichte für einen weiteren Sturm im Wasserglas hält

George Russell - GP Bahrain - Pirelli-Reifen - 2024
Wilhelm

Pirelli erklärt Wirkung

Am Samstagabend beantwortete auch Pirelli ein paar Fragen zu den angeblichen Tricksereien. Sportchef Mario Isola wurde von der Affäre komplett überrascht: "Ich musste mir erstmal selbst klarmachen, um was es geht und wie es funktioniert."

Der Ingenieur erklärte, welchen Effekt das Einfüllen von Flüssigkeiten in den Reifen haben kann: "Zum Teil verdampft das Wasser, zum Teil bleibt es flüssig. Dadurch kann die Hitze besser in die Felge abgeleitet werden. Allerdings lässt sich der Druck mit der höheren Feuchtigkeit im Reifen nicht mehr so gut kontrollieren. Der Druck steigt stärker an, was die Performance vermindert."

Pirelli sicherte zu, bei dem Thema eng mit der FIA zusammenzuarbeiten. Am Ende sei es aber der Weltverband, der für die Überwachung der Regeln zuständig ist. In den Daten der Longruns der einzelnen Autos habe Pirelli bisher keine verdächtigen Werte erkennen können.

Pirelli-Mechaniker - GP Niederlande 2023
Wilhelm

Wie kommt das Wasser in den Reifen?

Bei der Anwendung des Tricks muss die erste Frage lauten, wie das Wasser überhaupt in die Reifen gelangen soll, ohne dass Pirelli etwas davon merkt. Und wie das Wasser nach dem Rennen außer durch Verdunstung wieder verschwinden soll. Reifen und Felgen sind codiert. Die FIA teilt die Reifen nach dem Zufallsprinzip den von den Teams gemeldeten Felgen zu. Montage und Demontage der Reifen werden von Pirellis Service-Technikern durchgeführt.

Nachdem die Reifen aufgezogen sind, darf sie kein Team mehr manipulieren. Die Teams haben selbst gar nicht Werkzeuge dazu, Reifen von der Felge zu nehmen und wieder aufzustecken. Reifen können nach einmaligem Abziehen auch nicht noch einmal wiederverwendet werden. Der einzige Zugang, über den Wasser eingefüllt werden kann, ist somit das Ventil. Doch unbemerkt Flüssigkeiten einzuspritzen, wäre bei der Zahl der Aufpasser und der Pirelli-Ingenieure in den Garagen äußerst schwierig.

Ein solcher Trick wäre außerdem hochriskant. Wenn das Wasser vor der Demontage der Reifen in den drei bis vier Stunden nach dem Rennen nicht verdunstet, gerät man schnell unter Verdacht. Angeblich hatte Red Bull vor vielen Jahren einmal selbst mit Wasser im Reifen experimentiert. Damals war der Trick noch nicht ausdrücklich verboten. Doch die FIA hat dieses Schlupfloch prompt geschlossen. Im Lager des Titelverteidigers nimmt man jetzt an, dass ehemalige Red-Bull-Mitarbeiter bei ihren neuen Teams diesen Trick wieder ausgepackt und verfeinert haben.