Formel 1: Die Gründe für einen statt zwei Stopps

Reifen-Überraschung bei Formel-1-GP in China
Weshalb die Strategen falsch lagen

GP China 2025

Der GP China war traditionell ein Zweistopp-Rennen. 2024 trauten sich nur drei Fahrer mit einem Reifenwechsel über die Distanz. Die vielen lang gezogenen Kurven belasten vor allem den linken Vorderreifen. Dazu kommt ein hoher Verschleiß an der Hinterachse.

Diesmal verschärften sich die Bedingungen noch. Die Formel-1-Autos sind im Vergleich zum Vorjahr noch einmal eine Sekunde schneller geworden und ein neuer Asphalt bot viel mehr Grip als erwartet. Der Sprint am Samstag war mehr als nur eine Vorwarnung. Alle Fahrer klagten über Körnen an den Vorderreifen, speziell wer im Verkehr fahren musste und der verwirbelten Luft des Vordermannes ausgesetzt war.

Pirelli-Sportchef Mario Isola bestätigte nach den 19 Runden am Samstag, dass der Medium-Reifen mit dieser Distanz am absoluten Limit war. Dazu kam, dass es null Erkenntnisse über den harten Reifen gab. Alle Teams reservierten sich beide Sätze der C2-Mischung für das Hauptrennen. Lag es da nicht auf der Hand, von einem Zweistopp-Rennen auszugehen?

Lance Stroll - Aston Martin - Formel 1 - GP China 2025 - Shanghai
xpb

Stroll als Anhaltspunkt

McLaren-Cheftaktiker Tom Stallard gab zu, dass man sich vor dem Start drei Strategien zurechtgelegt hatte, wobei die ersten beiden Optionen Zweistopp-Rennen waren. "Ein Stopp war nur Plan C." Die Kollegen von Mercedes bestätigten: "Nach dem Sprint waren die Erwartungen an ein Einstopp-Rennen gering. Trotzdem haben wir diesen Plan im Hintergrund immer mitlaufen lassen."

Das Rennen begann mit drei großen Fragezeichen. Wie wirkt sich das Körnen der Medium-Reifen mit mehr Gummi auf der Bahn aus? Schlagen die nach dem Sprint geänderten Setups an? Wie lange halten die harten Reifen? Bei der Suche nach der Antwort half, dass Lance Stroll, Oliver Bearman und Liam Lawson auf harten Reifen ins Rennen gingen.

Das war für die Strategen ein Anhaltspunkt. "Wir haben an Strolls Rundenzeiten gesehen, dass die Wahrscheinlichkeit für ein Einstopp-Rennen steigt." Da konnte noch keiner ahnen, dass der Kanadier 36 Runden mit dem harten Reifen durchhalten würde. Ein weiterer Umstand rückte die Taktik mit einem Stopp mehr in den Fokus. "Das Körnen war deutlich geringer als im Sprint", hieß es bei Mercedes. Das lag nicht nur an einer Fahrzeugabstimmung, die die Vorderreifen besser schützte. "Auch die Fahrer hatten dazugelernt." So war es auch möglich, dass Bearman im zweiten Stint 30 Runden auf dem Medium-Reifen überlebt.

Max Verstappen - Red Bull - Formel 1 - GP China - Shanghai - 22. März 2025
Red Bull

Bitte mit Abstand

Max Verstappen zum Beispiel ging das Rennen weniger aggressiv an als den Sprint. Im Rückblick war er zu vorsichtig. Die Fahrer ließen deutlich mehr Abstand zum Vordermann, um nicht in die Turbulenzen zu geraten. Lando Norris hielt drei Sekunden Abstand zu Oscar Piastri, um nicht verwirbelte Luft zu schlucken. Immer wenn er näher kam, bat er den Kommandostand, man solle Oscar Piastri doch bitten schneller zu fahren, um die Lücke konstant zu halten.

Theoretisch hätten viele im Feld mit dem Medium-Reifen länger fahren können als am Samstag, um dann den harten Gummis eine kürzere Laufzeit zu gönnen. Trotzdem wickelten die Teams den ersten Reifenwechsel in den Runden 11 bis 15 ab. Da ahnten viele noch nicht, dass ihre Boxen-Crews danach schon Feierabend haben würden.

Der Grund für die Eile war immer der gleiche. Einer fängt an und zieht alle anderen mit. "Mit Antonelli mussten wir einerseits Tsunoda kontern und haben gehofft, mit einem Undercut an Verstappen vorbeizukommen", erzählten die Mercedes-Ingenieure. Beides misslang. Tsunoda gewann die Position gegen den Mercedes, und Verstappen stellte mit einer phänomenalen Runde vor dem Boxenstopp sicher, dass Antonellis Undercut nicht funktionierte.

Für Antonelli lief es doppelt bitter. Der Italiener fuhr seit der ersten Runde mit einem beschädigten Unterboden. Die Ingenieure wollten die verschobene Fahrzeug-Balance beim Reifenwechsel mit einer Frontflügel-Verstellung korrigieren, doch weil man zu wenig über den harten Reifen wusste, verschob man das auf den zweiten Reifenwechsel. Den gab es aber nie.

George Russell - Mercedes - Formel 1 - GP China - Shanghai - 22. März 2025
Rudy Carezzevoli via Getty Images

Russell erinnerte sich an Spa

George Russell wurde in der 14. Runde an die Box gerufen. "Wir mussten auf Ferrari reagieren", erklärten die Mercedes-Strategen. "George hätte noch länger fahren können, aber wenn du mit Reifen unterwegs bist die körnen macht es keinen Sinn länger draußen zu bleiben. Auch wenn sich das Körnen stabilisiert hat."

Russell war der erste der Medium-Starter, der merkte, dass hier in Einstopp-Rennen möglich ist. Schon nach zwei Runden auf harten Reifen meldete er sich am Funk. Der aktuelle WM-Dritte fühlte sich an seine Siegesfahrt letztes Jahr in Spa erinnert. Für die Ingenieure an der Boxengasse war Russells Einschätzung eine Bestätigung dessen, was die Strategieprogramme langsam in den Vordergrund rückten. Aus Plan C wurde Schritt für Schritt Plan A.

Es war eine Zeitlang eine Reise ins Ungewisse. Ferrari zum Beispiel wartete mit seiner Stallorder für den schnelleren Charles Leclerc viel zu lange, weil man davon ausging, dass es noch einen zweiten Boxenstopp geben würde, bei dem sich das Problem eleganter lösen lässt. Als Leclerc endlich an Lewis Hamilton vorbei war, nahm er viel zu hektisch die Verfolgung von Russell auf. Immer noch im Glauben, er müsste noch ein zweites Mal an die Box. Die Reifen protestierten. Russell zog wieder davon.

Charles Leclerc - Ferrari - Formel 1 - GP China - Shanghai - 23. März 2025
xpb

Einstopp-Rennen provoziert Disqualifikationen

Der harte Reifen erwies sich als noch robuster als es die Experten erwartet hatten. Sieger Piastri war sich zehn Runden nach dem Boxenstopp ziemlich sicher, dass es bis zum Ende reichen würde. Und doch gab es ein großes Fragezeichen, das alle umtrieb. Bei 40 Runden auf einem Satz waren die Hinterreifen mit dem Verschleiß am Limit. Bei vielen war am Ende kaum noch Gummi auf der Lauffläche.

Das brachte jene Teams in Nöte, die mit dem Gewicht ihrer Autos ans Limit gegangen waren. Prompt erwischte es zwei. Der Ferrari von Charles Leclerc und der Alpine von Pierre Gasly lagen beim Wiegen im Parc Fermé ein Kilogramm unter dem Mindestgewicht von 800 Kilogramm. Das war allein auf den Reifenverschleiß zurückzuführen.

Beide Teams hatten offensichtlich nicht mit einem Einstopp-Rennen und damit der langen Laufzeit und dem starken Gummiverlust gerechnet. Sie hätten sich aber nach der Erfahrung von Russell letztes Jahr in Spa ein bisschen mehr Spielraum lassen müssen. Bei Leclerc hätte sich ein zweiter Stopp gelohnt. Er wäre nur hinter Hamilton gefallen.

Insgesamt 15 Fahrer kamen am Ende mit einem Stopp über die 56 Runden. Toro Rosso entschied sich für einen zweiten Reifenwechsel und verzockte trotzdem. Wieder gab es keine Punkte für Red Bulls B-Team. Nicht einmal, nachdem drei Autos disqualifiziert wurden. Bitter, wenn man von den Plätze sieben und neun startet.