In Ferrari hat die Formel-1-Gemeinde große Hoffnungen gesetzt. Dem Vize-Weltmeister von 2022 traute man mehr als allen anderen die Rolle des Red-Bull-Jägers zu. Auch, weil Ferrari in der ersten Saisonhälfte des vergangenen Jahres um nichts schlechter war als Red Bull.
In der zweiten Saisonhälfte schlichen sich ein paar Fehler ein, die Ferrari den Anschluss an den späteren Weltmeister gekostet haben. Man war gezwungen, Motorleistung zurückzunehmen, Topspeed zu finden, bei der Suche nach mehr Abtrieb ins Risiko zu gehen. Das resultierte in instabilem Anpressdruck, zu Balanceverschiebungen und zu hoher Belastung der Reifen.

Motorprobleme scheinen gelöst
Nichts, was man über den Winter nicht hätte lösen können. Das Festhalten am Konzept des Autos durfte man als Selbstvertrauen in die eigene Entwicklungsrichtung interpretieren. Die Tatsache, dass viele Konkurrenten die Mulde in den Seitenkästen kopiert haben, spricht dafür, dass der Ferrari des Vorjahres nicht so schlecht gewesen sein kann.
Die Antriebseinheit läuft wieder problemlos. Bei 2.257 Testkilometern trat kein Schaden auf. Auch der Defekt im Motorumfeld, der Valtteri Bottas im Sauber stoppte, löste keinen Alarm aus. Er war relativ schnell wieder behoben. Damit kann Ferrari wieder mit voller Power fahren.
Der Topspeed stimmt auch. Ferrari erreichte an allen drei Tagen die Werte von Marktführer Red Bull. Der neue SF-23 ist auf mehr Effizienz getrimmt. Charles Leclerc berichtete jedoch, dass sich in der Folge die Fahreigenschaften seines Dienstwagens geändert hätten, für die er seinen Fahrstil und die Ingenieure das Setup anpassen müssten.
Topspeed gut, Balance noch nicht
Die Fahrzeugbalance hat sich mit dem SF-23 geändert. Die Fahrer können offenbar nicht mehr so aggressiv einlenken und früh beschleunigen, wie sie das gerne hätten. Und wie es Max Verstappen und Sergio Perez im Red Bull offenbar können. Es fehlt an Abtrieb im Heck. Die Quittung dafür war eine teilweise erhöhte Abnutzung der Hinterreifen im Dauerbetrieb.
Auf einigen Longruns war der Anstieg der Rundenzeiten mit älter werdenden Reifen teilweise erschreckend. Im direkten Vergleich in der Mittagshitze des letzten Testtages machte Bottas im Sauber mit Ferrari-Kundenmotor die bessere Figur als der Werkspilot Leclerc. Vor allem die weicheren Reifenmischungen gingen alarmierend früh in die Knie.
Dazu kam, dass der neue Ferrari deutlich windanfälliger ist als der alte. Das kann auf einer Strecke wie in Bahrain, bei der die Windrichtung einen großen Einfluss auf die Rundenzeiten hat, durchaus eine Rolle spielen.

Probleme beim Longrun
Teamchef Frédéric Vasseur versuchte, dennoch gute Stimmung zu machen. Man habe das gesteckte Programm abgespult und für die meisten Fragen auch eine Antwort gefunden. "Immer wenn wir in der Lage waren, alle Bausteine zusammenzubringen, hat das Auto eine gute Performance abgeliefert. Wir befinden uns aber immer noch in einem Lernprozess."
Auch Charles Leclerc und Carlos Sainz blieben in ihren Aussagen vorsichtig. Euphorie hört sich anders an. Das klang bei Red Bull deutlich positiver. Vasseur weigerte sich, Vergleiche anzustellen. "Wir haben uns nur auf uns selbst konzentriert und uns nicht um Rundenzeiten oder unsere Gegner gekümmert."
Dann nahm der neue Ferrari-Chef aber doch Bezug auf Leclercs wenig überzeugenden Longrun am letzten Tag: "Der fand bei 55 Grad Asphalttemperatur statt. Das ist wenig repräsentativ." Carlos Sainz legte in den kühleren Abendstunden nach, sah deutlich besser aus, ohne aber auf den Speed und die Konstanz zu kommen, die Verstappen am zweiten Testtag auf die Bahn gezaubert hatte.
Ferrari verliert über alle Sektoren
Auch die schnellsten Rundenzeiten der Woche könnten Analysten in die Irre führen. Ferrari taucht mit 1.31,024 Minuten (Leclerc) und 1.31,036 Minuten (Sainz) nur auf den Plätzen vier und fünf auf und verlor auf Testsieger Sergio Perez auf identischen C4-Reifen sieben Zehntel.
Zur Ehrenrettung von Ferrari sei gesagt, dass Perez um 18.39 Uhr ideale Bedingungen vorfand. Sainz fuhr seine schnellste Runde eineinhalb Stunden früher. Leclerc war um 11.36 Uhr in der Mittagshitze unterwegs. Andererseits: Perez ist nicht Verstappen. Da liegt in der Regel noch eine halbe Sekunde dazwischen.
Der Zeitverlust der Ferrari-Piloten auf Perez verteilte sich gemessen an der Länge der Messsektionen gleichmäßig über die drei Sektoren. 0,164 Sekunden im ersten Abschnitt, 0,336 Sekunden im zweiten und 0,169 Sekunden im dritten. Vasseur wollte auf Details nicht eingehen. "Viele Dinge haben nach Wunsch funktioniert, andere noch nicht. Wir werden alles tun, das zu verbessern."