Charles Leclerc ist eine ehrliche Haut. Der WM-Zweite suchte nach seinem Unfall in der Le Beausset-Kurve weder nach Ausreden noch Gemeinplätzen. Leclerc ging hart mit sich ins Gericht: "Ich habe das Gefühl, dass ich so gut wie noch nie in meiner Karriere fahre, aber das bringt mir gar nichts, solange ich solche Fehler mache. Ich habe durch Abflüge 32 Punkte liegengelassen. Wenn mir am Ende diese 32 Punkte fehlen, weiß ich, wer die Schuld daran trägt."
Der Ferrari-Pilot wusste genau: Es gibt Fehler, die darf man machen. Wie den Dreher von Imola. Es gibt aber auch solche, die man nicht machen darf. Und so einer war der Crash mit rund 180 km/h in die Reifenstapel der ewig langen Kurve 11. Leclerc saß im schnellsten Auto. Er verteidigte 16 Runden lang die Führung gegen Max Verstappen und hielt dabei noch die Reifen besser in Schuss. Nach 13 Runden konnte sich Verstappen nicht mehr im DRS-Fenster halten. Verstappen begründete es so: "Wenn du so lange hinterherfährst, werden irgendwann die Reifen zu heiß."
Der Rückstand stieg auf 1,8 Sekunden, als Red Bull die Reißleine zog. Ferrari reagierte nicht auf Verstappens Boxenstopp und verschaffte so seinem Fahrer mehrere Strategieoptionen. Verstappen hatte nur noch eine. Er hätte sich auf der Strecke gegen Leclerc mit frischeren Reifen verteidigen müssen. Die Frage blieb unbeantwortet, welche Trumpfkarte gestochen hätte.

Das Problem mit dem unsichtbaren Feind
Es ist aus Sicht eines Außenstehenden nur schwer zu verstehen, warum Leclerc ausgerechnet in dem Moment von der Strecke segelte, als Verstappen endlich aus seinem Rückspiegel war. Ein Ingenieur erklärt, warum gerade das für einen Rennfahrer die kritische Phase ist. "Es ist schwerer, gegen den unsichtbaren Feind zu fahren, als gegen einen, der direkt vor oder hinter dir ist. Du schaust nur noch auf deine Rundenzeit und das Delta zum Gegner auf dem Display, und du weißt, dass der andere mit frischen Reifen aufholt, dass du die Führung verlieren wirst und hoffen musst, dass deine Reifen am Ende besser sein werden. Da gehst du schon mal über das Limit deines Autos hinaus."
In diesem Jahr gilt die goldene Regel: Leclerc macht das Tempo, Verstappen die Punkte. Das zeigt noch eine andere Statistik. Ferraris Nummer eins ist sieben Mal von der Pole Position gestartet. Sein Gegner hat sieben Mal gewonnen. Im Moment trennen die beiden 63 Zähler. Mehr als zwei GP-Siege. Das holt man nur schwer auf, wenn der Rivale fehlerlos wie eine Maschine fährt und der Red Bull mit der Startnummer 1 keine technischen Probleme mehr hat.

Marko warnt vor Ferrari-Speed
Ferraris Joker ist im Moment nur das schnellere Auto. Seit dem GP Kanada sowohl auf eine Runde als auch im Rennen. Seit man einen Heckflügel hat, der das Topspeed-Manko reduziert, sind die Ferrari-Ingenieure freier in ihren Setup-Optionen. Und schaffen es immer irgendwie, trotz des Speed-Vorteils auch die Reifenabnutzung unter Kontrolle zu halten. "Die haben so viel Abtrieb, dass sie auch schneller sind, wenn sie herumrutschen", beschwerte sich Verstappen.
Es sieht so aus, als würde Ferrari mit seinen wenigen, aber gezielten Upgrades zur Zeit mehr Boden gewinnen als Red Bull, die ständig am Unterboden nachbessern. Ferraris neuer Boden ist unter Umständen ein größerer Fortschritt als es beim Debüt den Anschein hatte. "Der Sainz ist in der Qualifikation einmal eine Rundenzeit gefahren, die war außerirdisch. Da waren wir fast eine Sekunde weg. Das muss uns zu denken geben, wenn die in der Lage sind, solche Zeiten regelmäßig zu reproduzieren", warnte Red-Bull-Sportdirektor Helmut Marko.
Die beiden Autos sind in ihrer Charakteristik so unterschiedlich wie sie aussehen. Ferrari macht seine Zeit in den Kurven, Red Bull auf den Geraden. Auf die Rundenzeit gerechnet hat zuletzt immer der Kurven-Joker gestochen. Doch dafür gibt es keine Punkte. Verstappen fürchtet: "In Budapest werden sie uns um die Ohren fahren." Ferrari-Rennleiter Mattia Binotto hofft, dass der Holländer Recht hat: "Unser Ziel ist es nicht nur zu gewinnen, sondern einen Doppelsieg einzufahren."