Die Zahlen sprechen für sich. Auf neun der 17 Rennstrecken hatte Red Bull im Topspeed die Nase vorn. Nur Williams kann mit vier Bestzeiten halbwegs mithalten. Aber der FW44 generiert auch den geringsten Abtrieb im Feld. Der Red Bull RB18 dagegen ist auch in den Kurven schnell. Die Messungen beziehen sich auf die Qualifikation, wenn die Autos normalerweise ohne Windschatten unterwegs sind. Im Rennen werden die Topspeed-Werte oft dadurch verfälscht, wer DRS aktivieren kann und wer nicht.
Teams, die an der Spitze fahren, bekommen diesen Luxus seltener als solche, die weiter hinten ständig in Positionskämpfe verstrickt sind. In Singapur dagegen steckte auch Max Verstappen mal fast das gesamte Rennen im Verkehr. Der WM-Spitzenreiter war prompt an den vier Topspeed-Messstellen der schnellste Fahrer im Feld. Teilweise mit großem Abstand. Er nahm Ferrari zwischen 5,5 und 7,9 km/h ab, Mercedes zwischen 4,8 und 6,7 km/h. Und Charles Leclerc und Lewis Hamilton hatten die meiste Zeit des Rennens auch DRS.

Speedvorteil auf zweiter Hälfte der Gerade
Sebastian Vettel bekam es am Ende des Grand Prix mit Hamilton und Verstappen zu tun. Hamilton hatte er sicher im Griff. Dem Mercedes fehlte der extra Speed, um den Aston Martin auf der Gerade abzuhängen. Was Hamilton in 18 Runden nicht schaffte, gelang Verstappen in einer. "Gegen den Red Bull kannst du dich nicht wehren. Der lässt das Heck ab und fliegt an dir vorbei", entschuldigte sich Vettel.
Bei Aston Martin ist man überzeugt, dass der überragende Topspeed des RB18 nicht nur an seiner aerodynamischen Effizienz liegt. "Schau dir das Speed-Profil der Red Bull auf den Geraden an. Die gewinnen erst in der zweiten Hälfte richtig an Geschwindigkeit." Auch Charles Leclerc ist überzeugt: "Das hat nicht nur mit Aerodynamik zu tun. Da steckt etwas Mechanisches dahinter."
Mercedes war das leuchtende Beispiel
Kurios ist, dass Red Bull früher eigentlich traditionell schwach auf den Geraden war. In der Vergangenheit schob man das im Team oft auf den Motor. Doch seit 2021 hat Red Bull mit dem aktuellen Honda V6-Turbo eine Antriebseinheit, die mit Ferrari und Mercedes auf Augenhöhe liegt. Trotzdem war im letzten Jahr Mercedes auf den Geraden das Maß der Dinge. Red Bull rätselte eine halbe Saison lang, wo das Geheimnis der Silberpfeile lag.
Einer der Gründe lag im Fahrwerk. Mercedes konnte das Heck ab einer bestimmten Geschwindigkeit so weit absenken, dass es zu einem Strömungsabriss im Diffusor kam. Das haben viele Teams gemacht, doch keiner so perfekt wie Mercedes. Red Bull musste darauf verzichten, weil es bei der starken Anstellung des Autos schwierig war, die Fahrzeughöhe kontrolliert abzusenken. Mit den Groundeffect-Autos war dieses Problem beseitigt. Die fahren viel tiefer über Grund.

Red-Bull-Trick kostet Gewicht
Der Trick ist also alt, doch er ist mit den aktuellen Regeln viel schwieriger darstellbar. Die Hydraulikfahrwerke sind mittlerweile verboten. Mit konventionellen Dämpfern und Federn ist es komplizierter, das Fahrwerk ab einer bestimmten Last zusammenfallen zu lassen. Red Bull hat es offenbar trotzdem geschafft. Mercedes-Ingenieuren fällt auf: "Der Red Bull hat im Stand hinten die höchste Bodenfreiheit, bei hoher Geschwindigkeit die niedrigste."
Die ehemaligen Topspeed-Könige haben die Finger davon gelassen, ihren alten Trick mit in die Groundeffect-Ära zu nehmen. "So etwas mit einem konventionellen Fahrwerk zu machen kostet Platz und Gewicht. Wir hatten weder das eine, noch konnten wir uns das andere leisten." Aus dem gleichen Grund verzichtete auch Alpine darauf. Der Trick funktioniert noch nicht einmal auf jeder Strecke. Wenn es extrem schnelle Kurven gibt, will man das Auto nicht absenken. Man könnte zwar anhand von Sensordaten feststellen, ob man sich auf einer Gerade oder in einer Kurve befindet, dürfte diese Information aber nicht zur Verstellung des Fahrwerks verwenden.
Red Bull hat offenbar trotzdem in weiser Voraussicht in diese Richtung investiert und bekommt jetzt den Lohn dafür. Das hat zwar möglicherweise zu dem hohen Gewicht des Autos zum Saisonstart beigetragen, doch Gewicht abzubauen ist einfacher als nachträglich das Fahrwerk umzubauen. Und mit Abspecken kommt automatisch weitere Rundenzeit.