Taktikcheck GP Japan: Reifen leiden in Suzuka

Taktik-Check GP Japan 2023
Zwei Taktikpoker ohne Lohn

GP Japan 2023

Noch nie hatten die Teams so viel Respekt vor der Reifenabnutzung. In Suzuka kam alles zusammen, was normalerweise Reifen frisst. Eine Strecke mit schnellen Kurven, ein rauer Asphalt, heißes Wetter, hohe Reifendrücke.

Selten haben sich die Teams so viele frische Reifen aufgehoben. Red Bull und Ferrari je zwei Sätze Medium und eine Garnitur Hart. Mercedes, McLaren, Aston Martin und Alpine umgekehrt. Welche Taktik besser war, ließ sich im Rückblick nicht sagen. "Die Reifen haben sich von der Lebensdauer nicht viel gegeben", berichteten die Ingenieure. Nur Max Verstappen befand sich mit drei Garnituren Medium in einer Luxussituation.

Der Weltmeister hätte auch nur mit gebrauchten Reifensätzen antreten können und hätte das Rennen immer noch gewonnen. Er fuhr in einer Klasse für sich. Das zeigte er schon am Samstag als er mit einem gebrauchten Satz Soft durch das Q2 kam. Das hätte bei allen anderen noch nicht mal im Q1 funktioniert.

Der hohe Gripverlust mit alternden Reifen diktierte allen die Taktik. Zwei Stopps waren eigentlich Pflicht. Ein Stopp schien zu ambitioniert und drei Stopps waren nur für die Teams eine Option, die schon bei normalen Bedingungen ihre Reifen über Gebühr fressen. Zum Beispiel Haas.

Sergio Perez - Formel 1 - GP Japan 2023
Motorsport Images

Piastris VSC-Glück

Verstappen fuhr ein einsames Rennen an der Spitze. Auch das Thema McLaren ist schnell abgehakt. Oscar Piastri kam vier Runden früher als Lando Norris zum Boxenstopp. Der Australier strapazierte seine Reifen mehr, und McLaren wollte einem Undercut von Charles Leclerc vorbeugen. Der lag nach 13 Runden mit 1,4 Sekunden Abstand noch immer im Undercut-Fenster.

Piastri gab ohne Umschweife zu: "Diese Rennen mit hoher Reifenabnutzung sind neu für mich. Das lernst du in den Juniorkategorien nicht. Als ich im ersten Stint attackieren wollte, merkte ich plötzlich, dass es die Reifen nicht hergeben."

Der Undercut und der Boxenstopp, der sich teilweise mit einer VSC-Phase überlappte, brachten Piastri dennoch vor seinen Teamkollegen. Doch Norris schloss schnell auf und forderte einen Positionswechsel, weil er das Gefühl hatte, schneller fahren zu können als Piastri. McLaren ließ sich mit der Stallorder eine Runde Zeit. "Es ist nie eine leichte Entscheidung, so einen Befehl zu geben. Die eine Runde hat Lando sechs Zehntel gekostet. Das konnten wir vertreten", erklärte Andrea Stella.

Oscar Piastri - Formel 1 - GP Japan 2023
Motorsport Images

Mercedes plante mit zwei Stopps

Das Herzstück des Rennens war das Duell Ferrari gegen Mercedes. Ferrari hatte sich in der Qualifikation in eine bessere Position gebracht, doch die Saison hatte oft genug gezeigt, dass die Stunde der Mercedes erst im Rennen schlägt. "Diesmal war unser Vorteil im Rennen geringer, weil Ferrari durch sein Upgrade zugelegt hat", urteilte Mercedes-Chefingenieur Andrew Shovlin.

Die Positionen 8 und 9 nach der Startrunde waren auch nicht hilfreich. Fernando Alonso hatte sich mit dem Grip-Vorteil der Soft-Reifen vorbeigeschmuggelt. Ursprünglich plante auch Mercedes mit zwei Stopps. Doch so wie das Rennen lief, machte ein Strategie-Split immer mehr Sinn.

Der Reifenverschleiß war geringer als befürchtet. Ein Safety Car über die ersten vier Runden gewährte den Gummiwalzen maximale Schonung. Das half auch Ferrari. Dahinter veranstalteten die Mercedes-Piloten ein Privatduell, das den Strategen die Sorgenfalten ins Gesicht zauberte. "George und Lewis haben sich in ihrem Duell so hoch geschaukelt, dass die Gefahr bestand, es könnte emotional werden. So fährt man gegen Ferrari, aber nicht gegen Teamkollegen."

George Russell - Formel 1 - GP Japan 2023
xpb

Nichts zu verlieren für Russell

In der Phase reifte der Gedanke, die beiden strategisch zu trennen. Russell hatte mit dem Reifenverschleiß gute Arbeit geleistet. Er schien in der Lage zu sein bis Zielrunde 24 zu kommen. Und die Strategie-Software spuckte aus, dass der Engländer nichts zu verlieren hatte. "Alonso hätten wir mit einem oder zwei Stopps geschlagen. Da wir zu dem Zeitpunkt hinter Ferrari lagen, konnten wir nur gewinnen. Wir haben eine Chance gesehen, dass George vor Lewis und Sainz bleibt. Und bei einem Safety Car zur richtigen Zeit wäre George der Held gewesen. Wir hatten es immer noch in der Hand, auf zwei Stopps zu gehen und den Extra-Punkt für die schnellste Runde zu holen. Alonso hätten wir uns so oder so wieder geholt."

Russell lag insgesamt zehn Runden auf einem Podestplatz. Es wurde aber schnell klar, dass er mit seinen harten Reifen, die 29 Runden überstehen mussten, gegen Hamilton und Sainz einen Kampf kämpfte, der nicht zu gewinnen war. Hamiltons Reifen waren zehn Runden frischer, die von Sainz 14.

Als die beiden Mercedes-Piloten erneut aufeinander trafen, mussten die Strategen eine schwierige Entscheidung treffen. Sollten sie Russell dazu nutzen, Hamilton DRS zu geben, um im letzten Moment Hamilton einen Angriff zu erlauben, aber Sainz komplett abzublocken? Oder sollte Hamilton geschützt werden und sofort an Russell vorbei? Teamchef Toto Wolff nahm dem Kommandostand die Entscheidung ab. Er gab den Befehl zum sofortigen Platztausch. Als Russell ein zweites Mal nachfragte, sagte ihm sein Renningenieur: "George, das ist eine Anweisung. Wir tauschen die Positionen."

George Russell - Mercedes - GP Japan 2023 - Suzuka
Wilhelm

Sainz verschläft den Undercut

Es funktionierte. Hamilton übernahm den fünften Platz und kam vor Sainz ins Ziel. Jetzt musste sich Ferrari die Frage gefallen lassen, warum man seinen Singapur-Sieger vier Runden lang verhungern ließ, obwohl Hamilton bei seinem Boxenstopp in Runde 34 nur 3,6 Sekunden hinter Sainz lag. Ferrari entschied sich für das maximal mögliche Reifen-Delta.

Sainz schloss zwar schnell auf die Mercedes auf, doch um zu überholen hätte er eine Sekunde pro Runde schneller fahren müssen. Für Russell reichte es, für Hamilton nicht. "Für mich war das Rennen zwei Runden zu kurz", bedauerte Sainz. Im Rückblick wäre es besser gewesen, sofort auf den Schachzug von Mercedes zu reagieren.

Carlos Sainz - Ferrari - GP Japan 2023 - Suzuka
Wilhelm

Soft beim Start aus der Not geboren

Im Mittelfeld griffen viele Fahrer aus der Not heraus zum Soft als Startreifen. Wer sich im Training nur jeweils eine frische Garnitur Medium und Hart aufheben konnte, musste beim Start Pirellis weichste Mischung fahren. Sieben Fahrer griffen zu. Nur Fernando Alonso ging freiwillig auf den Soft. Der alte Reifenstreichler spekulierte auf den Vorteil beim Start. Und er behielt Recht. Der Zehnte der Startaufstellung ging nach einer Runde als Sechster über die Ziellinie.

Nach elf Runden stand er an der Box. Was nicht im Plan stand war, dass Alpine Esteban Ocon schon während der Safety-Car-Phase in der zweiten Runde harte Reifen mit auf die Reise gab. An dem Franzosen kam der Spanier mit seinen ausgelutschten harten Reifen nicht vorbei. Stattdessen verlor er Plätze an die Mercedes-Piloten, die bereits zum ersten Mal gewechselt hatten. Erst bei Yuki Tsunoda stoppte der Abwärtstrend.

Im dritten Stint lief es für Alonso besser. Obwohl ihn das Team, aufforderte, den hohen Randsteinen fernzubleiben, weil bei Teamkollege Lance Stroll ein Riss zwischen Beam-Wing und Heckflügelendplatte festgestellt wurde, hatte der Aston-Martin-Pilot die beiden Alpine locker im Griff. Für Mercedes und Ferrari hätte es an diesem Tag sowieso nicht gereicht.

Fernando Alonso - Aston Martin - GP Japan 2023 - Suzuka
Wilhelm

Haas plant mit drei Stopps für Hülkenberg

Nico Hülkenberg wurde von Anfang an auf ein Dreistopp-Rennen geschickt. Haas spielte angesichts seiner großen Probleme mit dem Reifenverschleiß die Verzweiflungskarte. Es lief gar nicht so schlecht. Hülkenberg kam nur 5,5 Sekunden hinter den Alpha Tauri ins Ziel, die dank vieler Upgrades viel an Speed gewonnen haben. Das war zwar nur Platz 14, zeigte aber wie in Singapur, dass man mit Alternativstrategien Chancen kreieren kann. "Wir hatten nichts zu verlieren", gab Einsatzleiter Ayao Komatsu zu.

Solange die direkten Gegner nicht punkten, kann es Haas als Erfolg abhaken. "Wir müssen noch bis Austin überleben. Dann kommt das Upgrade", atmete Teamchef Guenther Steiner auf. Alpha Tauri hat zwar im Moment ein Auto für die Punkteränge, doch das Team macht immer noch zu viele Fehler. "Der zweite Stopp war zu spät", ärgerte sich Yuki Tsunoda. "Er hat mich direkt in den Verkehr geschickt."

Die beiden Alpine waren unerreichbar für den Lokalmatador. Auch Alpine wählte eine elegante Lösung, seine Streithähne voneinander fernzuhalten. Als Pierre Gasly zehn Runden vor Schluss auf Esteban Ocon aufschloss, bot das Team den Fahrern ein Abkommen an. Ocon sollte den schnelleren Gasly vorbeilassen, damit der mit sechs Runden frischeren Reifen versuchen kann, 8,5 Sekunden Rückstand auf Alonso aufzuholen. Es klappte nicht. Also musste Gasly den neunten Platz in der letzten Runde wieder hergeben.