Ferrari und Red Bull waren ebenbürtig. Beide neutralisierten sich in ihren Stärken. Red Bull machte die Zeit auf den Geraden, Ferrari in den Kurven. Red Bull war auf den harten Reifen leicht im Vorteil, Ferrari auf den Medium-Gummis. Die Abstände waren minimal. In der Qualifikation trennten 0,261 Sekunden die vier schnellsten Autos. In den besten Rennrunden betrug das Delta 0,408 Sekunden. Der Vierte Sergio Perez kam 10,8 Sekunden hinter Sieger Max Verstappen ins Ziel. Zwischen Platz eins und zwei lagen nur 0,549 Sekunden. So eng war es schon lange nicht mehr.
Red Bull hatte seine Autos wie schon in Bahrain auf Top-Speed getrimmt. Ferrari packte nach dem Freitagstraining sogar noch etwas mehr Anpressdruck drauf. "Wir hatten Angst, die Reifen könnten zu stark abbauen. Das war im Rückblick eine Fehleinschätzung", gab Teamchef Mattia Binotto zu. Da rächte sich, dass Ferrari am Freitag die Longruns streichen musste, weil seine Fahrer die Mauer touchiert hatten. Der Dauerlauf auf Soft-Reifen im dritten Training war kein Ersatz. Pirellis C4-Mischung kam im Rennen gar nicht zum Einsatz. "Uns fehlten die Erfahrungen vom Freitag. Red Bull hat die bessere Wahl getroffen", bedauerte Binotto.

Safety-Car raubt Perez den Sieg
Am Ende fiel die Entscheidung auf der Rennstrecke. Max Verstappen und Charles Leclerc trugen ein Duell auf höchstem Niveau aus, bei dem es darauf ankam, wer auf der Zielgerade den DRS-Vorteil nutzen konnte. Vier Mal kam es zum Showdown. Zwei Mal siegte Leclerc, ein Mal Verstappen. Die Frage, ob Leclercs letzte Attacke in Runde 48 zum Erfolg geführt hätte, wurde nicht beantwortet. Eine gelbe Flagge in Kurve 1 stoppte den Angriff. "Ich kann nicht sagen, ob es gereicht hätte. Ohne die gelbe Flagge hätte ich mich wenigstens neben Max setzen können", meinte Leclerc.
Ohne das Safety-Car in den Runden 16 bis 20 und die VSC-Phase in den Runden 38 bis 40 wäre dieses Rennen möglicherweise ganz anders ausgegangen. Sergio Perez kontrollierte den GP Saudi-Arabien vom Start weg, und der Mexikaner wäre mit dem zweitschnellsten Boxenstopp des Tages auch in Führung geblieben, hätte Nicholas Latifi nicht einen Williams in der Zielkurve in die Mauer genagelt. Die anschließende Neutralisation war eine Einladung für Leclerc, Verstappen und Sainz zu einem Gratis-Boxenstopp. "Es war der dümmste Moment so knapp nach meinem Reifenwechsel", haderte der Trainingsschnellste mit seinem Schicksal.
Im Duell mit Carlos Sainz ging es um Zentimeter. Der Spanier kreuzte die Safety-Car-1-Linie in der Boxenausfahrt einen halben Meter früher als Perez auf der Rennstrecke. Damit musste der Red Bull-Pilot auch den dritten Platz hergeben. Die Rennleitung wartete mit ihrer Entscheidung bis nach dem Re-Start. Sainz regte sich zurecht auf: "Was gab es da groß zu analysieren? Die Angelegenheit war knapp, aber klar. Es gab alle Zeit der Welt, uns schon während des Safety-Cars Plätze tauschen zu lassen. So hat man mir die Chance genommen, Max anzugreifen und Checo den Platz gegen mich wieder zurückzugewinnen."
Die Statthalter der Stars verloren ab Runde 30 an Boden. Die VSC-Phase brachte sie völlig aus dem Tritt. Sainz ging mit einem Rückstand von 6,7 Sekunden in die drei Runden unter Tempolimit und kam mit 10,1 Sekunden wieder raus. Was eigentlich nicht sein darf, weil unter VSC keiner schneller fahren darf als 65 Prozent der Rundenzeit unter Grün. "Ich muss mir das noch einmal genau anschauen", wunderte sich Sainz über den Zeitverlust.

Drei Fahrer mit Alternativ-Strategie
Ferrari und Red Bull haben sich deutlich vom Rest des Feldes abgesetzt. George Russell im Mercedes kam mit 32,7 Sekunden Rückstand auf den Sieger ins Ziel. Der Engländer war ziemlich einsam unterwegs. Erst 23,3 Sekunden dahinter sah das Mittelfeld die Zielflagge. Und da ging es rund. Esteban Ocon, Lando Norris und Pierre Gasly profitierten von drei Ausfällen, die kurz hintereinander in den Runden 35 und 36 die Reihen lichteten. Fernando Alonso, Valtteri Bottas und Daniel Ricciardo blieben alle mit einem Problem im Antrieb stehen. Dem Motor wurde es zu heiß.
Alonso und Bottas hatten sich die Plätze 8 und 9 auf der Strecke erkämpft. Sie hätten noch zwei Positionen gewonnen, weil Lewis Hamilton und Kevin Magnussen ihre Reifenwechsel noch vor sich hatten. Daniel Ricciardo schaffte den Sprung in die Top Ten mit einem frühen Boxenstopp. Der Australier wechselte schon in der achten Runde von medium auf hart. "Wir wollten zwei Karten spielen, und wenn Daniel nicht stehengeblieben wäre, hätten wir mit beiden Fahrern Punkte gemacht", ist Teamchef Andreas Seidl überzeugt.
Kevin Magnussen, Lewis Hamilton und Nico Hülkenberg gingen antizyklisch mit harten Reifen in das Rennen. Im Fall von Haas eine mutige Entscheidung. Bei Hamilton und Hülkenberg machte sie Sinn. Sie hatten von ihren schlechten Startplätze aus nichts zu verlieren. Auch für das Trio kam das Safety-Car zum falschen Zeitpunkt. Mindestens 15 Runden zu früh.
Magnussen, Hamilton und Hülkenberg blieben auf der Strecke. "Die Medium-Reifen hätten es von Runde 15 nicht bis zum Ende geschafft. Man erkennt das leicht am ersten Stint der Fahrer, die auf Medium-Reifen gestartet sind. Der Reifenabbau war hoch, so hoch, dass George sogar die Zeiten der Spitze fahren konnte, obwohl wir ein wesentlich langsameres Auto hatten. Lewis hat am Ende mit den Medium-Reifen Attacke gemacht. Es hat zu nichts geführt", erklärten die Mercedes-Strategen.

Haas kommt Boxengassen-Sperrung zuvor
Das VSC hätte den drei Opfern in der Theorie wieder eine kleine Portion Glück zurückreichen sollen, doch am Ende zahlte sich das Geschenk von acht Sekunden für einen VSC-Boxenstopp nicht aus. Als Alonso und Ricciardo im Schneckentempo auf die Boxeneinfahrt zurollten, lag Hamilton mit 7,0 Sekunden Vorsprung auf Magnussen auf Rang 6. Magnussen hatte 4,0 Sekunden Luft auf Ocon, 9,1 Sekunden auf Norris, 12,9 Sekunden auf Gasly und 21,0 Sekunden auf Stroll.
Haas antizipierte, dass die langsamen Autos eine Sperrung der Boxengasse zur Folge haben könnten und holte Magnussen in Runde 37 an die Box. Zu dem Zeitpunkt wurden in der Zielkurve gelbe Flaggen geschwenkt, aber noch kein VSC angezeigt. Deshalb profitierte der Däne auch nicht von der langsameren Gangart im Feld und fiel von Platz 7 auf Rang 12 noch hinter Lance Stroll und Alexander Albon zurück. Immerhin hatte er jetzt seinen Reifenwechsel aus den Füßen.

Hamilton wartet 3 Runden auf Wechsel
Hamilton musste darauf geschlagene drei Runden warten. Der Kommandostand erzählt, was in Runde 37 passiert ist: "Wir haben Lewis in Kurve 19 gesagt, dass er an die Boxen kommen soll. Zu der Zeit war die Boxengasse noch offen und es gab keine gelbe Flagge. Ricciardo stand, Alonso fuhr langsam. Als Lewis auf Kurve 27 zu fuhr, wurden doppelt geschwenkte gelbe Flaggen gezeigt. Die Boxengasse war weiterhin offen."
Hamilton war der erste Fahrer, der die gelben Flaggen präsentiert bekam. Das lenkte ihn so ab, dass er an der Boxeneinfahrt vorbeifuhr. Die Strategen versuchen, den Rekordsieger zu entschuldigen: "Wir haben die Ansage, dass er an die Boxen kommen soll, nicht wiederholt. Lewis sah den langsam dahinrollenden Alonso und zögerte ihn wegen der gelben Flaggen zu überholen. Das Warten hat ihn fünfeinhalb Sekunden gekostet. In der ganzen Konfusion entschied er, auf der Strecke zu bleiben. Als er das nächste Mal rumkam, war die Boxeneinfahrt geschlossen. Das hat aber nicht den Schaden angerichtet. Der Schaden waren die fünfeinhalb Sekunden Zeitverlust."
Die Rennhistorie bestätigt das. Hamilton kam nach seinem verspäteten Reifenwechsel hinter Ocon, Norris, Gasly, Stroll, Magnussen und Albon auf die Strecke zurück. Zieht man die fünfeinhalb Sekunden wegen zu großer Vorsicht ab, hätte sich der Mercedes-Pilot drei Positionen weiter vorne zwischen Pierre Gasly und Lance Stroll in den Pulk wieder eingefädelt. Mit rund sechs Sekunden Rückstand auf Lando Norris, der sich daran machte, Ocon auf Platz 6 anzugreifen.
Das wäre für Hamilton immerhin Platz 8 im Ziel gewesen. Mehr war nicht drin. Dem Mercedes mit der Startnummer 44 fehlte der Speed. Magnussen nahm Hamilton in den letzten acht Runden noch 8,3 Sekunden ab.