Domenicali erklärt die Zukunftsstrategie der F1

Formel-1-Chef Stefano Domenicali im Interview
„Der klimaneutrale Sprit ist unsere größte Chance“

Die FIA hat in Montreal einen Entwurf des 2026er Reglements präsentiert und von den Teams viel Kritik eingesteckt. Was halten Sie von den Regeln?

Domenicali: Ich sehe es pragmatisch. Immer, wenn es eine große Regeländerung gibt, muss man viele Parameter berücksichtigen. Normalerweise ist es so: Zuerst werden die Chassis-Regeln geschrieben, dann die Motorregeln. Dieses Schema wurde zum ersten Mal 2014 durchbrochen, als die Formel 1 sich dem Hybridantrieb verschrieben hat. Diesmal war es noch einmal eine andere Dimension.

Wir wollten einen größeren Anteil des Elektroantriebs gegenüber dem Verbrenner, und dazu noch die Verwendung von klimaneutralem Kraftstoff. In diesem Umfeld mussten wir die Interessen der etablierten Hersteller und neuer Interessenten unter einen Hut bringen. Aus den technischen Vorgaben für den Antrieb entstanden die Chassis-Regeln. Und da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Wir haben noch genügend Zeit nachzubessern. Das muss in einem konstruktiven Prozess zwischen den Teams und den Ingenieuren der Teams passieren.

Haben Sie nicht die Sorge, dass die Teams dabei hauptsächlich ihre eigenen Interessen verfolgen?

Domenicali: Bis zu einem gewissen Grad mag das passieren. Deshalb ist es wichtig, dass die FIA gut zuhört und die richtigen Kompromisse herausfiltert. Wir müssen jetzt klug handeln und sinnvolle Lösungen suchen statt mit dem Finger aufeinander zeigen.

Hätte man den Elektro-Anteil nicht ein bisschen runterfahren können angesichts der Tatsache, dass der Verbrenner mit nachhaltigem Sprit betrieben wird?

Domenicali: Man muss immer die politische Großwetterlage der jeweiligen Zeit im Blick haben. Es gab Momente, da hat man von uns eine totale Elektrifizierung gefordert. Wir haben an der Hybridlösung festgehalten und dann erkannt, dass wir mit nachhaltigem Kraftstoff der Welt zeigen können, dass es noch andere Technologien gibt. Zu dem Zeitpunkt aber als die 2026er Motorregeln geschrieben wurden, konnten wir auf Hybrid noch nicht verzichten.

Den Herstellern war es damals wichtig, dass der Anteil der elektrischen Leistung erhöht wird. Heute würden sie vielleicht anders denken, weil die Welt erkannt hat, dass mehrere Wege zum Ziel der Nachhaltigkeit führen. Heute realisieren sie, dass unser Weg mit dem Kraftstoff für sie in der Serie einen Nutzen abwerfen könnte. Es ist kein Zufall, dass sich immer mehr Hersteller für die Formel 1 interessieren. Wir wissen, dass die Entwicklung in der Formel 1 für alles eine Lösung findet. Wenn das Ziel nicht ambitioniert ist, haben die Ingenieure es morgen schon erreicht. Schauen Sie nur an wie sich die aktuellen Autos und Hybridantriebe seit 2014 entwickelt haben.