Das dramatische Formel-1-Finale von Abu Dhabi hat in der Winterpause für jede Menge Schlagzeilen gesorgt. Vor allem in der britischen Presse wurde die Regelauslegung in den letzten Runden der Saison scharf kritisiert. Aus der Heimat von Lewis Hamilton bekam FIA-Rennleiter Michael Masi einige Breitseiten verpasst. Die Entscheidung, nur fünf Autos die Rückrundung zu gestatten, um in letzter Sekunde die Freigabe zum Restart zu erteilen, hatte Max Verstappen unverhofft den Titel geschenkt.
Alfa-Romeo-Teammanager Beat Zehnder nimmt den australischen Oberschiedsrichter allerdings in Schutz: "Aus meiner Sicht ist in Abu Dhabi nicht viel falsch gelaufen. Das einzige, was ich nicht ganz verstanden habe, war die frühe Ansage, dass sich die überrundeten Fahrer nicht zurückrunden dürfen. Das hätte er eigentlich erlauben müssen, wenn es die Streckenbedingungen zulassen."
Zum Verhängnis wurde Mercedes, dass man zum Start der Safety-Car-Phase nicht abschätzen konnte, ob das Rennen noch einmal fortgesetzt wird oder ob die Neutralisation bis zur Zielflagge anhalten würde. Am Ende entschied man sich gegen einen Wechsel auf frische Reifen, um Hamiltons Spitzenposition nicht zu gefährden. Red Bull musste und konnte Risiko gehen und genau das Gegenteil machen, was sich als Schlüssel zum Sieg herausstellte.

Kein Glücksspiel mit Unterbrechung?
Um dieses Glücksspiel künftig zu unterbinden, führte die FIA mit den Teams hinter den Kulissen eine Diskussion, ob das Rennen bei späten Safety-Car-Phasen nicht einfach per roter Flagge unterbrochen und nach dem Räumen der Unfallstelle per stehendem Start fortgesetzt werden sollte. So ein Vorgehen wurde letztes Jahr schon in Baku angewendet, weil sich auf der Zielgerade nach einem Crash von Verstappen jede Menge Trümmerteile befanden.
Zehnder glaubt aber nicht, dass damit alle Probleme gelöst wären: "Bei einer roten Flagge würde man allen Fahrern frische Reifen in die Hände geben. Die Frage lautet: Wäre das wirklich fairer? Ich glaube, dass wir je nach Ausgang des Rennens immer noch ähnliche Diskussionen hätten. Bei einem Safety-Car gibt es immer Fahrer, die profitieren und welche die Plätze verlieren. Wenn man das Rennen in Abu Dhabi unterbrochen hätte, dann wäre Lewis Hamilton am Ende wohl der Sieger gewesen und Red Bull hätte sich beschwert."
Der langjährige Sauber-Mitarbeiter ist generell kein großer Fan von zu vielen Unterbrechungen: "Für mich sollten rote Flaggen nur gezeigt werden, wenn Streckenposten oder Fahrer verletzt sind oder das Rennen nicht fortgesetzt werden kann. Aber eine Unterbrechung nur anzuordnen, um künstlich Spannung herzustellen, davon halte ich nichts."

Neues Prozedere zur Rückrundung
Einen konkreten Verbesserungsvorschlag im Ablauf von Safety-Car-Phasen hat der Schweizer aber auch parat. Anstatt die Autos zur Rückrundung am Führungspulk vorbeizuleiten, sollten sich die Hinterbänkler einfach ans Ende der Schlange zurückfallen lassen. Damit könnte man das Feld vor einem Restart deutlich schneller sortieren. Und es wäre eine fairere Lösung.
"Früher gab es oft Diskussionen, je nachdem wie früh der Rennleiter die Autos zurückrunden ließ. Einer schafft es bis ans Ende des Feldes, der andere nicht. Wir hatten in Baku letztes Jahr zum Beispiel den Fall, dass Antonio (Giovinazzi) vor dem Restart hinten aufschließen konnte. Das führte zu Diskussionen, weil er direkt mit aufgewärmten Reifen einen Vorteil hatte und Positionen gutmachen konnte", erinnert sich Zehnder.
Allerdings ist die vorgeschlagene Regeländerung auch nicht ohne Tücke: "Wir diskutieren schon einige Jahre darüber. Es ist aber technisch nicht ganz so einfach, was die Zeitnahme betrifft. Die überrundeten Fahrer müssten sich nach hinten zurückfallen lassen, aber im System eine Runde gutgeschrieben bekommen", erklärt Zehnder das Problem.

Hilfe für den Rennleiter
Neben dem Ablauf des Restarts hatte in Abu Dhabi auch die Kommunikation der Teams mit der Rennleitung für Diskussionen gesorgt. Normalerweise melden sich nur die Teammanager per Funk bei den Schiedsrichtern. Beim Finale redeten plötzlich auch die Teamchefs von Mercedes und Red Bull auf Masi ein, um den Verlauf zu ihren Gunsten zu beeinflussen. So entstand der Eindruck, dass die Entscheidungen nicht unabhängig getroffen wurden.
Außerdem musste Masi gleichzeitig den Restart koordinieren und die erhitzten Anfragen von den Kommandoständen beantworten, was den Stressfaktor in der entscheidenden Phase erhöhte. Deshalb wurden Forderungen laut, dem Rennleiter eine Art Assistenten zur Seite zu stellen, der ihm in solchen Phasen Aufgaben abnimmt – wie zum Beispiel die Kommunikation mit den Teams.
Bei Alfa Romeo ist Zehnder die Kontaktperson der FIA an der Boxenmauer. Der Teammanager zeigt sich grundsätzlich offen für Änderungen: "Für uns ist es nur wichtig, dass es einen Ansprechpartner gibt. Das muss nicht der Rennleiter selbst sein. Man braucht nur eine verlässliche Meinung, wenn es zum Beispiel darum geht, ob ein Überholmanöver in Ordnung war, oder ob man eine Position zurückgeben muss. Von wem diese Information kommt, ist im Grunde egal."
Noch lässt die offizielle Reaktion des Weltverbands zum Abu-Dhabi-Finale auf sich warten. Beim Treffen der F1-Kommission am 14. Februar vertröstete der neue FIA-Präsident Mohammed Ben Sulayem die anwesenden Teams. Es wurde aber bereits ein Aktionsplan mit strukturellen Änderungen in Aussicht gestellt. Die neuen Regeln sollen dann am 18. März, also kurz vor dem Saisonstart in Bahrain, vom FIA-Weltrat abgesegnet werden.