Sie haben sich letzten Winter zum Rücktritt entschieden. War es das erste Mal, dass sie darüber nachgedacht haben, aufzuhören?
Räikkönen: Nein. Ich war ja schon einmal zwei Jahre raus aus der Formel 1. Sogar davor habe ich mich immer mal wieder gefragt, ob ich die Reiserei und das ganze Drumherum noch brauche, oder ob ich nicht was anderes tun sollte. Aber so ist das im Leben. Du hast gute und schlechte Tage. Einen Tag denkst du genug ist genug, und am nächsten ist wieder alles vergessen.
Und was war diesmal anders?
Räikkönen: Die Reiserei wurde mir zu viel. Ich war zu oft von zuhause weg. Das ist jetzt mein Platz. Ich hasse Terminpläne. Meine ganzes Leben habe ich danach gelebt. Jetzt freue ich mich darauf, mal ohne feste Pläne in den Tag zu gehen.
Was auch immer Sie tun werden, es wird ein anderes Leben sein. Haben Sie Angst davor?
Räikkönen: Ich wüsste nicht warum? Nein, ich freue mich darauf. Mir haben schon viele Leute prophezeit: Wenn du mal ein halbes Jahr zuhause bist, fällt dir die Decke auf den Kopf. Wenn ihnen das so gegangen ist oder sie sich so schlimm fühlen, dann sollten sie sich vielleicht ein neues Zuhause oder eine andere Familie suchen. Ich liebe es, zuhause zu sein und freue mich darauf, dass ich nun viel öfter Zeit mit meiner Familie verbringen und ganz normale Dinge tun kann. Meine Freizeit ist mir wichtiger als alles andere.
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Sie konnten dieses Leben also schon mal trainieren?
Räikkönen: Ja, ein bisschen. Aber auch in meiner Rallyezeit war ich auf Reisen. Es waren weniger Veranstaltungen, aber die dauerten länger.
Sie sagen immer wieder, dass Sie noch keine festen Pläne haben. Aber mal grundsätzlich: Können Sie auf Dauer in den Tag hinein leben, oder brauchen Sie irgendeine Form von Herausforderung?
Räikkönen: Nein, ich brauche keine Herausforderung. Ich kann eine Woche zuhause sein, ohne ein Mal vor die Tür zu treten und bin immer noch ein glücklicher Mensch. Ich habe wirklich null Pläne. Allein das Gefühl, dass ich nicht mehr dieses oder jenes machen muss, verschafft mir eine Vorfreude. Zuerst steht mal die Familie im Vordergrund. Dann sehen wir, was sich ergibt. Es gibt keinen Grund, mir heute schon Gedanken darüber zu machen, was mich in Zukunft interessieren könnte.
Mika Häkkinen zwei Jahre nach seinem Rücktritt gesagt, dass die härteste Erfahrung für ihn war, im normalen Leben nur Durchschnitt zu sein, während er als Rennfahrer immer um Platz eins gekämpft hat.
Räikkönen: Was ist falsch daran, nur Durchschnitt zu sein? Ich bin nicht der Typ, der auch im normalen Leben immer eine Herausforderung sucht oder unbedingt in jeder Disziplin der Beste sein will. Nicht mehr. Vielleicht war es so, als ich noch jünger war. Da war alles ein Spiel oder ein Wettrennen. Das ist nicht mehr mein Ding.
Sie waren nie ein Mann großer oder vieler Worte. Hat es Sie überrascht, dass Sie trotzdem so populär waren?
Räikkönen: Ja, doch. Ich habe immer gesagt, dass ich die Dinge so mache, wie sie am besten für mich sind. Du kannst ein, zwei Jahre versuchen, ein anderer zu sein, aber dann genießt du dein Leben nicht mehr. Für mich war es immer wichtig, mich so zu geben wie ich bin. Ich habe nie den Leuten nach dem Mund geredet, nur um ihnen zu gefallen. Ein paar Leuten gefällt das, anderen nicht. In meinem Fall hat das offenbar einigen Leuten gefallen.
Warum haben Sie dann damit begonnen, sich auf Social Media-Plattformen zu öffnen?
Räikkönen: Das macht ein Freund von mir. Was immer darauf erscheint, ist meine Entscheidung. Ich mache es auch relativ selten. Tatsächlich habe ich lange darüber nachgedacht. Es richtet ja keinen Schaden an und kann auf vielerlei Art genutzt werden.
Ist eine Karriere wie Ihre heute noch möglich? Bei Ihnen entschied damals in Mugello die Stoppuhr, nicht irgendein Juniorprogramm.
Räikkönen: Ich glaube schon, dass es noch möglich ist. Heute probieren es wahrscheinlich mehr junge Fahrer in die Formel 1 zu kommen als damals, und die Plätze sind immer noch knapp. Die Teams folgen heute den Talenten viel intensiver als es zu meiner Zeit der Fall war. Wenn du im Kart schnell bist, hast du eine bessere Chance entdeckt und in ein Programm aufgenommen zu werden als damals. Heute hat jedes Team so ein Förderprogramm. Von da ist es aber immer noch ein langer Weg. Und bis in die Formel 1 kann immer noch viel passieren.
Sie sind bis heute der Fahrer, der mit den wenigsten Rennen in die Formel 1 gekommen ist. Heute sind Sie der Fahrer mit den meisten Formel 1-Starts. Hätten Sie das je gedacht?
Räikkönen: Ich bin schnell vom Kart in die Formel 1 gekommen. Es hat vielleicht zwei Jahre gedauert. Davon eine volle Saison. Ich bin vor meinem ersten Grand Prix 23 Rennen gefahren, also fast nichts. Heute bekommst du da keine Lizenz mehr. Und du musst mindestens 18 Jahre sein. Es ist also unmöglich, das noch einmal nachzumachen. Heute drängen sie dich in einen Weg, der dich sehr viel Geld kostet. Da hatte ich echtes Glück. Auch dass ich Leute um mich herum hatte, die Verbindungen zur Formel 1-Szene hatten. Dazu hat noch das Timing gepasst. Ich musste natürlich auch noch meine Leistung bringen, als es darauf ankam. Insgesamt mussten da viele Puzzlesteine richtig gesetzt werden. Ohne meine Manager hätte ich nie eine Chance gehabt, einen Platz zu bekommen.
Sie hätten Ihr GP-Debüt in Melbourne fast verschlafen. Das Team musste Sie suchen, weil sie nicht in der Garage aufgetaucht sind. Waren Sie schon immer so cool?
Räikkönen: Ich war einfach nur müde. Das passiert mir häufig. Als ich jünger war, konnte ich immer und überall schlafen. Das geht jetzt im Alter nicht mehr so gut. Es ist gar nicht so ungewöhnlich. Rallyefahrer schlafen auch oft zwischen den Prüfungen.
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Bedauern Sie irgendetwas? Hätten Sie zu einem bestimmten Team früher, später oder gar nicht gehen sollen?
Räikkönen: Nicht wirklich. Ich würde an meiner Karriere gar nichts ändern, auch wenn es bedeutet hätte, dass ich mehr Rennen oder Weltmeisterschaften gewonnen hätte. Wenn du so anfängst zu denken, kann das auch anders herum ausgehen. Du änderst einen Schritt in deiner Karriere, und die ganze Karriere ändert sich. Vielleicht würde ich hier gar nicht mehr mit Ihnen sitzen. Ich bin im Reinen mit mir. Und wenn etwas im Rückblick schlecht war, kann ich gut damit leben.
Welches Ihrer vielen Formel 1-Autos hat Ihnen am meisten Spaß gemacht?
Räikkönen: Die guten Autos. Weil du damit um Siege fahren kannst.
Welches hat Sie am meisten gefordert?
Räikkönen: Kein Auto ist gut genug, dass es dich nicht fordert. Wenn du eine Sekunde unter dem Limit bleibst, sind alle Autos einfach zu fahren. Es gibt auch keine schwierigen Strecken. Erst mit dem Limit kommt die Herausforderung. Egal in welchem Auto, auf welcher Strecke. Mir fällt es schwer zu definieren, was das Wort "schwierig" im Zusammenhang mit dem Fahren eines Autos bedeutet. Jedes Auto, ob gut oder schlecht, hat seine Tücken.
Vom Spaß her waren vielleicht die Autos Mitte der 2000er Jahre die besten. Es kann aber auch sein, dass in der Erinnerung früher immer alles besser war. Sicher sind die heutigen Autos größer, schwerer und schwerfälliger, aber sie haben auch mehr Grip und sind schneller. Für ein faires Urteil müsste ich mich jetzt für zehn Runden in ein Auto von früher und dann zehn Runden in eines von heute setzen. Dann fällt die Wahl vielleicht anders aus. Vielleicht sage ich dann: Shit, das Auto von damals ist doch nicht so toll wie ich es in Erinnerung habe.
Haben Sie Ihre Rennautos gesammelt?
Räikkönen: Ich habe nur den Ferrari, mit dem ich 2018 mein letztes Rennen gewonnen habe. Er ist aber fahrbar. Ich bräuchte aber Hilfe, um ihn anzulassen.
Sammeln Sie Ihre Pokale?
Räikkönen: Die meisten, ja. Am Anfang bei McLaren musste ich die Originale abgeben, habe aber Replikas bekommen. Sie sind irgendwo in einem Lagerraum in Kisten. Einer glaube ich steht in meinem Büro. Jetzt habe ich ja Zeit. Irgendwann werde ich sie vielleicht rausholen und irgendwo hinstellen.
Welcher Teamkollege war am härtesten zu schlagen?
Räikkönen: Sie waren alle schwierig zu schlagen. Jeder auf seine Weise. Mit 20 war ich sicher etwas schneller als mit 40. Ich glaube, das Gesamtpaket spielt die entscheidende Rolle. Es gab Jahre, da war der Teamkollege schneller, dann wieder ich. Da gibt es kein Muster. Ich kann nicht sagen, dass einer komplett heraussticht.
Wären Sie in der Rallye um den Titel gefahren, wenn Sie Ihre Karriere dort begonnen hätten?
Räikkönen: Ich würde gerne sagen, dass das so gewesen wäre. Als ich als Quereinsteiger 2009 in einem Fiat meine erste 1000-Seen-Rallye gefahren bin, lag ich an dritter Stelle, bevor ich mich überschlagen habe. Ich habe nicht mal den Aufschrieb selbst gemacht. Ich glaube, dass Erfahrung im Rallyesport noch wichtiger ist als auf der Rennstrecke. Da kennst du die Strecken. In der Rallye ist alles immer neu. Die Strecke, der Grip. Du hast nur ein Gebetbuch.
Auf einer Rallye-Teststrecke, die du in- und auswendig kennst, bist du vielleicht so schnell wie die Besten. Aber eine echte Rallye ist eine andere Hausnummer. Ich war nahe an dem Punkt, an dem ich blind nach Aufschrieb fahren konnte. Das ist der Schlüssel. Als Neuling musste ich immer erst nachdenken, nachdem mir etwas vorgelesen wurde. Ein Fehler wird ganz anders bestraft als bei uns. Dann liegst du auf dem Dach oder triffst ein Hindernis. Es ist auch im Rallyesport so, dass viele sehr gute Fahrer gibt, die nie Weltmeister wurden.
Was haben Sie von Ihrem Rallye-Intermezzo für die Formel 1 gelernt?
Räikkönen: Am meisten die Konzentration. Die ist im Rallyeauto viel intensiver. Weil du immer mit neuen Dingen konfrontiert wirst. Egal, welchen Motorsport du treibst, ob Kart oder Motocross. Es hilft immer und schadet nie. Leider haben wir so viele Rennen, so bleibt uns keine Zeit nebenbei noch etwas anderes zu fahren.
Als Sie von Ferrari zu Sauber gewechselt sind, muss Ihnen klar gewesen sein, dass Sie nicht mehr um Siege fahren. War es hart, das zu akzeptieren?
Räikkönen: Es gab auch bei den Topteams Jahre, in denen ich nichts gewonnen habe. Du musst immer nach dem Möglichen streben und sicherstellen, dass du Spaß am Rennfahren hast. Wenn du jünger bist, denkst du da vielleicht etwas anders darüber. Ich hatte meine Siege und meine Weltmeisterschaft. Hätte ich ein Problem damit gehabt, hätte ich bei Sauber nicht unterschrieben. Ich mache ja nichts anderes als vorher. Man gibt mir ein Auto, und ich fahre damit so schnell wie es geht. Für uns ist eben ein sechster oder siebter Platz ein Sieg. Solange du Realist bleibst, ist das kein Problem.
Wie sollen Sie die Leute in Erinnerung halten?
Räikkönen: Wie auch immer sie wollen. Es ändert nichts, an dem was war und was mir bevorsteht.