Wieso dominierte Mercedes in Las Vegas?
Vor dem Wochenende in Las Vegas hatten nur die wenigsten Experten Mercedes auf dem Favoritenzettel. Die Silberpfeile hatten seit ihrem Sommerhoch nur wenig zu lachen gehabt. In Nevada schlug Mercedes zu: Wie in alten Zeiten fuhren George Russell und Lewis Hamilton einen dominanten Doppelsieg heraus. Es war der erste seit Brasilien 2022. Russell jubelte über seinen zweiten Erfolg der Saison. "Las Vegas ist verrückt, das ganze Wochenende ist verrückt, und so wird es auch weitergehen. Ich hätte eigentlich noch heute Abend zurück nach Europa jetten sollen, aber das schmeiße ich in die Tonne – jetzt wird in Las Vegas gefeiert, das wird eine unfassbare Party!"
Schon am Donnerstag legte Mercedes gut los. Hamilton gewann beide Trainingssitzungen. Das sollte aber noch nichts heißen. Ist die Strecke grün, funktioniert der W15 gut. Je mehr Gummi auf die Strecke kommt, desto mehr fallen die Mercedes in der Regel zurück. Doch Las Vegas spielte dem Team in die Karten. Die Straßen des Stadtkurses wurden nach jedem Tag für den Verkehr geöffnet. Der gelegte Gummi verschwand wieder.
Ein weiterer Grund für den Erfolg waren die niedrigen Temperaturen im Zocker-Paradies. Die Sessions fanden am Abend statt. Teamchef Toto Wolff bestätigte das im Anschluss. "Es ist kalt hier und dann sind wir gut. Das war auch schon in Silverstone und Spa so. Es ging darum, die Reifen im Sweet-Spot zu halten. Das haben wir geschafft."
Russell musste sich nur in Runde 4 einem Angriff von Charles Leclerc (Ferrari) erwehren. Danach zog der nun dreimalige GP-Sieger davon. Sein Teamkollege Lewis Hamilton zeigte die Aufholjagd des Rennens. Der 39-Jährige pflügte von Startplatz zehn durch das Feld. Die Pace des kommenden Ferrari-Piloten hätte für den Sieg gereicht. Doch im Q3 patzte der Engländer zwei Mal, während sein Teamkollege zur Pole-Position stürmte.

Nach der Attacke von Charles Leclerc auf George Russell brachen die Reifen am Ferrari ein.
Warum fiel Ferrari im ersten Stint ab?
Vor dem Rennen waren sich die meisten Insider sicher, dass Ferrari die besten Chancen auf den Sieg haben würde. Carlos Sainz und Charles Leclerc gingen von P2 und P4 in das Flutlicht-Spektakel. Am Samstag war es wärmer als in den zwei Tagen zuvor. Das sollte Ferrari beim Reifenmanagement in die Karten spielen, weil der SF-24 schonend mit den Pneus umgeht. Auch der Fakt, dass im Verlaufe des Rennens mehr Gummi auf der Strecke liegen würde, wäre ein Vorteil für die Scuderia gewesen.
Der Start verlief vielversprechend. Leclerc stürmte auf Platz zwei und Sainz flankierte den Monegassen dahinter. Leclerc hing in den Anfangsrunden im Heck von Russell und attackierte den Führenden vor Turn 1 in der vierten Runde, kam aber nicht vorbei. Den Angriff bezahlte er umgehend. Sein Teamchef Frédéric Vasseur erklärte: "Als Charles versucht hatte, George zu überholen, hat er die Reifen verloren. Wir hatten Probleme im ersten Stint und litten unter Graining." Sogar Max Verstappen (Red Bull) kam vorbei. Die Strategen holten früh beide Piloten rein und setzten auf den harten Reifen.
Es dauerte aber, bis Ferrari in Fahrt kam. Erst als ausreichend Gummi auf der Strecke lag, kamen Sainz und Leclerc wieder in Schwung. Beide fingen noch Verstappen ab und landeten auf den Rängen drei und vier. Sainz hatte Glück, dass er keine Strafe bekam. Eigentlich wollte der Spanier bereits in Runde 27 stoppen, doch sein Team war nicht bereit. Sainz verließ die Boxengasseneinfahrt wieder und schoss über die weiße Linie zurück auf die Strecke. Weil die Rennleitung keine Untersuchung einleitete, kam der 29-Jährige davon.
Sein Boss war dennoch etwas enttäuscht. "Im letzten Stint waren wir schnell. Aber wenn du von Platz zwei und vier startest, erwartest du mehr als unser Ergebnis", gab Vasseur zu. Das Resultat ist im Hinblick auf die Konstrukteurs-Wertung dennoch ein Erfolg, wie der Teamchef ausführte. "Wir haben den Rückstand in der WM auf McLaren verkürzt." Zwei Rennen vor Saisonende liegen nur noch 24 Zähler zwischen den Teams.

McLaren spielte im Kampf um das Podium in Las Vegas keine Rolle.
Was war bei McLaren los?
Lando Norris wollte die WM-Entscheidung vor Las Vegas noch um mindestens ein Rennen verschieben. Dafür hätte der Engländer in McLaren-Diensten aber drei Punkte auf Max Verstappen gutmachen müssen. Dazu kam es nicht. Gegen seinen Kumpel hatte er im Rennen keine Chance. Verstappen wurde Fünfter, ließ sich auf keine gefährlichen Zweikämpfe ein und feierte bereits seinen vierten WM-Titel. Während Verstappen und Red Bull jubelten, musste McLaren Wunden lecken.
Schon zu Beginn des Wochenendes kam das Traditionsteam nicht wirklich auf Touren. Der Tabellenführer litt ähnlich wie Ferrari unter den Bedingungen. Teamchef Andrea Stella klang bereits nach dem Qualifying nicht optimistisch, was sein Vorausblick auf das Rennen anging. Der Italiener sollte Recht behalten. Lando Norris und Oscar Piastri trudelten auf den Plätzen sechs und sieben ein.
Ähnlich wie der Ferrari braucht der McLaren mehr Gummi auf der Strecke, um mehr Performance aus dem Paket herauszukitzeln. Zudem schmeckt dem MCL38 nicht die Konfiguration mit dem kleinen Heckflügel. Auf Strecken mit maximalem Abtrieb war McLaren zuletzt dominant.
Stella kündigte an, die richtigen Schlüsse ziehen zu wollen. "Wir waren heute weit von dem weg, was wir in dieser Saison schon gezeigt haben. Am Ende hatten wir mehr Grip und waren schneller. Wir müssen die Informationen nutzen, um zu verstehen, warum wir am Anfang solche Probleme hatten." Zu allem Überfluss kassierte Oscar Piastri noch eine 5-Sekunden-Strafe, weil er nicht korrekt in seiner Grid-Box stand. Immerhin ein kleiner Lichtblick für das Team war das Ergebnis an der Spitze: "Wir müssen froh sein, dass Mercedes Ferrari Punkte weggenommen hat", sagte Stella mit einem Schmunzeln im Gesicht.

Das Graining war im Rennen so stark, dass die Zwei-Stopp-Strategie besser war als nur ein Reifenwechsel.
Wieso stoppten die meisten Piloten zwei Mal?
Vor der 50-Runden-Hatz in Vegas galt die Ein-Stopp-Strategie als die schnellere Variante. Doch bereits seit dem ersten Trainingstag ging die Angst vor dem Körnen der Reifen um. Die Longruns verhießen nichts Gutes. Vor allem der Medium-Reifen ging schnell in die Knie. Als Lando Norris bereits in Runde 9 stoppte, war klar, dass keiner auf einen Stopp setzen würde.
Red-Bull-Sportchef Helmut Marko erklärte: "Das Interessante war hier, dass die Reifen von einem Moment auf den anderen über die Klippe gefallen sind. Normalerweise bauen sie linear ab." Nur Mercedes war sich sicher, Russell auch mit einem Stopp über die Runden zu bringen. Das Risiko gingen die Strategen aber nicht ein, da die Konkurrenz zuvor bereits zum zweiten Mal an der Box gewesen war.

Nico Hülkenberg überholte sechs Runden vor Schluss Yuki Tsunoda und wurde Achter.
Wie schaffte es Hülkenberg auf Rang acht?
Einen wichtigen Erfolg im Kampf um Platz sechs bei den Konstrukteuren landete Haas. Nico Hülkenberg wurde Achter und katapultierte sein Team im Alleingang wieder vor Alpine. "Platz acht war das Beste, was heute möglich war. Wir sind lange im ersten Stint draußen geblieben. In der Dirty-Air neigten die Reifen zu starkem Graining."
Sechs Runden vor Schluss schnappte sich der Deutsche Yuki Tsunoda vor Turn 14. Der Japaner zwang Hülkenberg zwar auf die Außenbahn, doch der Haas-Pilot setzte sich durch. "Yuki hat sich fair verhalten. Der frischere Reifen hat am Ende beim Überholen geholfen."