Da haben sich die Gegner von Red Bull und Max Verstappen zu früh gefreut. Am Freitag präsentierte sich der Titelverteidiger bestenfalls als dritte Kraft hinter zwei Ferrari und zwei McLaren. Verstappen war auf eine Runde und noch schlimmer in der Rennsimulation chancenlos. Red Bull wirkte verwundbar wie noch nie in dieser Saison.
Der Red Bull RB20 steckte im Formtief. Beide Fahrer klagten über fehlenden Grip und Balanceverschiebungen. "Wir waren mit dem Setup nicht in unserem Fenster", erklärte Sportchef Helmut Marko. Möglicherweise, weil Red Bull mit seinem Upgrade die Fahrcharakteristik leicht verändert hat. Und dafür passte die gewählte Fahrzeugabstimmung noch nicht.
Doch der Weltmeister und sein Team finden aus jeder kleinen Krise einen Weg. Die Ingenieure an der Rennstrecke und in der Fabrik in Milton Keynes machten Überstunden und brachten den RB20 zurück in seinen Wohlfühlbereich. Gerüchte, Red Bull hätte auf die alte Spezifikation zurückgerüstet, wurden von Teamchef Christian Horner als "Unsinn" bezeichnet. "Wir fahren mit den neuen Teilen."

Max Verstappen ließ die Ferrari im Qualifying stehen und schnappte sich die Pole-Position in Imola.
Hülkenberg spendete Windschatten
Ein erster Fortschritt zeigte sich schon im dritten Training. Als es um die besten Startplätze ging, waren Auto und Fahrer wieder in Hochform. Es wurde trotzdem eine enge Kiste. Der Vorsprung von Verstappen auf seine Herausforderer fiel minimal aus: 0,074 Sekunden auf Oscar Piastri – der wegen Behinderns von Kevin Magnussen auf den fünften Platz versetzt wurde – 0,091 Sekunden auf Lando Norris und 0,224 Sekunden auf Charles Leclerc. Wenn die Abstände so klein sind, zählt jedes Detail.
Verstappen nutzte in seiner schnellsten Q3-Runde geschickt den Windschatten von Nico Hülkenberg. Das hatte er schon in Bahrain so gemacht. Zeitgewinn: Eineinhalb Zehntel. Zieht man die ab, wäre der Niederländer auf seiner zweitbesten Runde mit 1.14,869 Minuten sitzengeblieben. Damit hätte er sich hinter den McLaren-Piloten anstellen müssen.
Das Ausnutzen des Windschattens ist Glückssache. Es muss genau passen, dass die Zugmaschine gerade seine Runde beendet hat und man selbst nah genug dran ist, um sich die ganze lange Zielgerade von Imola ziehen lässt. So etwas lässt sich nur schwer planen.

Clever: Max Verstappen nutzte den Windschatten von Nico Hülkenberg und katapultierte sich auf den ersten Platz im Imola-Qualifying.
Energiemanagement, Reifendruck: Wo liegt der Schlüssel?
Es gibt aber noch einen Trick, der Verstappen nun schon zum siebten Mal in Folge auf die Pole-Position gebracht hat: "Max ist immer im ersten Sektor superschnell, egal wie der aussieht", rätselt Ferrari-Teamchef Frédéric Vasseur. Der Red Bull hat dann auch bei der Anfahrt zur ersten Kurve den höchsten Topspeed.
Diesmal war Verstappen auf Höhe der Ziellinie, die im ersten Drittel der über einen Kilometer langen Zielgerade liegt, schon um 1,3 km/h schneller als Piastri, 2,5 km/h als Norris und 2,9 km/h als Leclerc. Am Ende der Geraden natürlich noch mehr. Was genau Verstappen und Red Bull im ersten Sektor machen, kann nur spekuliert werden.
Die einen glauben, dass Red Bull die Elektropower über die Runde verteilt anders einsetzt als die Konkurrenz. Eine zweite Theorie ist, dass man die Runde mit möglichst niedrigem Reifendruck beginnt, um in den ersten Kurven maximalen Grip zu haben. Außerdem ist Verstappen ein Meister darin, den Grip zu spüren, den ihm das Auto und die Reifen bieten. Das ist zu Beginn der Runde immer auch eine Reise ins Ungewisse.
Die Machtdemonstration des Weltmeisters in der Frühphase der Runde ist auch ein psychologisches Moment. Die anderen Fahrer können ihre Split-Zeiten und den Rückstand zum Gegner auf dem Display ablesen. Wer dann weiß, dass ihm schon ein oder zwei Zehntel fehlen, macht Fehler. Diesmal hätte es für die Verfolger trotzdem fast gereicht. Piastri war der schnellste Mann des Mittelsektors, Norris im Schlussabschnitt. Allein da verlor Verstappen 0,227 Sekunden auf Piastri und eineinhalb Zehntel auf Leclerc.