F1 Bouncing-Debatte: Theater im Teamchef-Meeting

Bouncing erhitzt die Gemüter
Theater im Teamchef-Meeting

GP Kanada 2022

Neben dem Sport auf der Strecke wird in der Formel 1 immer auch jede Menge Politik abseits der Piste betrieben. Doch so ein Gezeter wie in Montreal hat man lange nicht in der Königsklasse erlebt. Das Bouncing-Problem der neuen Rennwagen-Generation und die möglichen Gefahren für die Piloten teilen das Feld in zwei Lager auf. In dem einen befindet sich Mercedes, im anderen die neun restlichen Teams.

Die FIA hat mit der überraschenden Technik-Direktive (TD) einen Tag vor dem ersten Kanada-Training auch noch Öl ins Feuer gegossen. Als F1-Boss Stefano Domenicali die zehn Teamchefs dann Samstagfrüh zum üblichen Meeting in seinen Pavillon rief, war die Stimmung bereits ziemlich gereizt. Entsprechend emotional fielen dann auch die Diskussionen aus.

Wutausbruch nach Ferrari-Einwand

Ferrari-Boss Mattia Binotto trug seine Bedenken vor, dass die FIA bei der Einführung der TD nicht den formal korrekten Weg eingehalten habe. Nach dem Rennen erklärte der Italiener seinen Standpunkt auch öffentlich: "Für uns ist die TD nicht anwendbar. Das haben wir der FIA auch erklärt. Eine TD ist normalerweise dazu da, Klarstellungen bezüglich bestehender Regeln zu liefern. Eine TD ist nicht dazu da, die Regeln zu ändern. Wenn die FIA aus Sicherheitsgründen andere Regeln will, muss sie es im Weltrat anmelden, und sie formal absegnen lassen."

Mercedes-Kollege Toto Wolff soll laut Berichten anderer Teilnehmer wütend auf den Ferrari-Einwand reagiert haben. Der Österreicher warf dem gesamten Kollegenkreis vor, verantwortungslos zu handeln. Wenn nichts getan werde, um das Bouncing in den Griff zu bekommen, werde es irgendwann einen schweren Unfall geben.

Toto Wolff - Christian Horner - Formel 1 - GP Abu Dhabi - 12. Dezember 2021
Motorsport Images

Weil eine Netflix-Crew im Raum anwesend war, um Material für die nächste Staffel der Doku-Serie "Drive to Survive" zu drehen, soll Red-Bull-Teamchef Christian Horner spöttisch gefragt haben, ob der kleine Wutausbruch von Wolff nur für die Kameras gedacht war. Gegenüber der Presse erklärte der Brite später: "In dem Meeting wurde ziemlich viel Theater produziert. Vielleicht wollte er sich schon mal auf eine Rolle im neuen Film von Lewis (Hamilton) einstellen."

Aston-Martin-Teamchef Mike Krack, der erst seit Saisonbeginn im Amt ist, verfolgte das Schauspiel mit etwas Verwunderung. "In dem Meeting ging es etwas emotional zur Sache. Es gab eine Kamera. Ich glaube, Christian hat gefragt, ob man sie ausschalten kann. Ich kann aber nicht sagen, ob am Ende noch aufgenommen wurde und ob die Mikrofone die ganze Zeit offen waren."

Bouncing nur ein Mercedes-Problem?

Nach dem Rennen ging das Verbalduell in die zweite Runde. Horner forderte Mercedes auf, sich beim Thema Bouncing an die eigene Nase zu fassen: "In dem Meeting hat Ferrari seine Position zur TD vorgetragen. Und Toto hat dafür geworben, das Reglement zu ändern. Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie, denn sein Auto sah im Rennen ziemlich schnell aus und zeigte kaum Bouncing. Wir haben ihm dann erklärt, dass es nicht das Problem aller Teams sei. Sie waren am stärksten betroffen. Es liegt in ihrer Verantwortung, richtig damit umzugehen."

George Russell - Mercedes - Formel 1 - GP Spanien - Barcelona - 20. Mai 2022
xpb

Das wollte Wolff nicht auf sich sitzen lassen. Mercedes beharrt weiter darauf, dass es sich um ein generelles Sicherheitsproblem handelt: "Die politischen Spielchen ignorieren den eigentlichen Kern des Themas. Seit Saisonbeginn beklagen sich die Fahrer aller Teams über die Autos. Wir sprechen über Rückenschmerzen, eine verschwommene Sicht und kleinere Gehirnerschütterungen. Es geht hier nicht darum, dass man einen Flügel verbietet, der einem Team einen Vorteil bringt. Als Teamchefs sind wir in der Verantwortung, das Problem nicht auf die leichte Schulter zu nehmen."

Auch hier kam direkt der Konter aus dem Red-Bull-Lager: "Toto behauptet, dass sich alle anderen Piloten beschwert haben. Von unseren Fahrern kamen aber nie irgendwelche Klagen. Mercedes fährt sein Auto so hart. Ich glaube, es ist eher ein Problem ihres Fahrzeugkonzepts und kein Problem des Reglements. Man kann nicht einfach mitten in der Saison die Regeln ändern. Wenn ein Team das Gefühl hat, dass sein Auto gefährlich ist, dann sollten sie es nicht einsetzen. Die FIA kann im Zweifel ein Auto auch per schwarzer Flagge aus dem Rennen nehmen", so Horner.

Ärger um Mercedes-Stützkabel

Gestritten wurde auch über den konkreten Inhalt der Technischen Direktive. Ferrari kritisierte, dass bei den Messungen zur Intensität des Bouncings und für die Festlegung von Grenzwerten kein ordentliches Verfahren definiert wurde. Deshalb sei die TD auch nicht anwendbar. "Am Ende wurde viel Lärm um nichts gemacht", schüttelte Binotto den Kopf.

Für Diskussionen sorgte auch das zweite Stützkabel zur Stabilisierung des Unterbodens, das mit der TD erlaubt wurde. Es soll dabei helfen, die Schüttelei zu reduzieren. "Die Einführung des zweiten Stützkabels muss in einem technischen Gremium diskutiert werden", kritisierte Horner. "Es hilft nur einem einzigen Team dabei, seine Probleme zu beheben. Und dieses Team war auch das einzige, das hier direkt damit aufgetaucht ist – noch bevor die TD überhaupt verschickt wurde."

Lewis Hamilton - GP Kanada 2022
xpb

Nicht nur bei Red Bull wunderte man sich, wie schnell Mercedes auf die neuen Regeln reagieren konnte. "Toto hat behauptet, dass sie die Stützkabel über Nacht montiert haben. Ich kann dazu nur sagen, dass wir als Ferrari nicht dazu in der Lage gewesen wären", stellte Binotto klar.

Auch bei Alpine zeigte man sich verärgert. "Sie mussten vorher davon gewusst haben. Anders ist so etwas gar nicht möglich", schimpfte Teamchef Otmar Szafnauer. Alpine hatte sogar schon einen Protest angekündigt, wäre Mercedes mit den zusätzlichen Befestigungen im Rennen angetreten.

Im Fahrerlager machten schnell Gerüchte die Runde, dass die ehemalige Wolff-Beraterin Shaila-Ann Rao Mercedes einen Tipp gegeben haben könnte. Die Rechtsanwältin hatte erst vor wenigen Wochen die Position bei der FIA als Formel-1-Exekutivdirektorin von Peter Bayer übernommen. Binotto gab zu, dass er mit der Personalie nicht ganz glücklich ist: "Ich habe Bedenken, keine Frage. Das Vertrauen in die FIA ist aber vorhanden. Sie ist eine Anwältin und sie ist ein Profi. Ich bin zuversichtlich, dass die FIA in Zukunft beweisen kann, dass unsere Bedenken unbegründet sind."