F1-Action: Neue Autos sind ein Volltreffer

Neue Formel 1 ein Volltreffer
Schachspiel um den Jeddah-Sieg

GP Saudi-Arabien 2022

Der Saisonauftakt in Bahrain war eine Werbung für die neue Formel 1. Das zweite Rennen in Saudi-Arabien brachte noch eine Steigerung. Die Architekten der neuen Autos können sich auf die Schultern klopfen. Ihre Groundeffect-Formel funktioniert.

"Sie liefert ab, was sich ihre Macher zum Ziel gesetzt hatten. Man kann ihnen nur applaudieren. Wir haben zwei spektakuläre Rennen gesehen, Überholmanöver, eine Startaufstellung, die durcheinander gewürfelt wurde, ein extrem enges Mittelfeld", lobte Mercedes-Teamchef Toto Wolff. Sein persönlicher Wermutstropfen: "Wir sind leider nicht dabei im Kampf um die Spitze."

In Bahrain wurden noch Stimmen laut, dass diese Strecke immer schon viele Überholmanöver produziert hat. 2021 waren es 58. Die Zahl wurde dieses Jahr immerhin auf 67 gesteigert. Jeddah zählt trotz seiner langen Geraden zu den Strecken, auf den Überholen generell schwieriger ist. Im letzten Jahr wurde abzüglich der beiden Re-Start-Runden nur 18 Mal überholt.

Der zweite Grand Prix auf dem Jeddah Corniche Circuit produzierte nun 38 Überholmanöver. Und die hatten alle Qualität. Kein einfaches Vorbeifahren. Auch wenn der DRS-Vorteil auf den Geraden groß war, musste der Angreifer die nächsten Kurven höllisch aufpassen, seine Position nicht wieder zu verlieren.

Alle Fahrersind sich einig, dass Hinterherfahren leichter geworden ist. Weil das Auto weniger Abtrieb verliert und der Reifen nicht mehr so schnell überhitzt. Max Verstappen differenziert: "Das gilt aber nur für die jeweils härteren Reifensorten." Charles Leclerc fällt auf: "Wenn du einem anderen Auto folgst, ist die Reaktion deines Auto viel berechenbarer geworden. In der Vergangenheit hast du nie gewusst, wie sich die Balance verschiebt." Einigkeit aber herrscht auch beim Thema DRS: "Zum Überholen brauchen wir immer noch DRS. Ohne geht es noch nicht."

Max Verstappen vs. Charles Leclerc - Formel 1 - GP Saudi Arabien 2022 - Rennen
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Angriff und Gegenangriff

Die Formel 1 erlebte in Jeddah die Neuauflage des Duells zwischen Max Verstappen und Charles Leclerc. Und die war noch besser als die erste Folge in Bahrain. Nachdem Leclerc in der 15. Runde die Führung übernahm, lagen der Ferrari und der Red Bull mit Ausnahme der VSC-Phase bis zum Ende des Rennens nie mehr als 1,7 Sekunden auseinander. Allein das hat eine neue Qualität. In der Vergangenheit hätte der Verfolger spätestens nach fünf Runden zurückstecken müssen, damit die Reifen nicht überhitzen.

Und wieder kam es innerhalb weniger Runden zu Angriff und Gegenangriff. Diesmal mit noch mehr Tricks und Raffinesse. "Das ist ein Schachspiel", jubelte Jenson Button aus seiner Kommentatoren-Box. In Runde 42 packte Leclerc seine Bahrain-Masche aus, ließ Verstappen vor der Zielkurve den Vortritt um auf der folgenden Gerade mit DRS zurückzuschlagen.

Doch Verstappen lernte schnell. In der folgenden Runde kamen beide Fahrer vor dem DRS-Messpunkt fast zum Stillstand, um dem jeweils anderen den Vortritt zu lassen. Leclerc hatte zwar die Nase leicht vorn, doch er trat so früh den Spurt an und ließ Verstappen so wenig Platz, dass er ihn mit der besseren Beschleunigung überrumpelte.

In Runde 46 griff der Holländer in die Trickkiste, ließ sich im schnellen Geschlängel nach Kurve 13 zurückfallen, um den Gegner in Sicherheit zu wiegen, dass er am DRS-Messpunkt ruhig vorne liegen kann. Doch der Weltmeister schloss dank DRS in den letzten Kurven rasend schnell auf, so dass Leclerc nicht mehr rechtzeitig seinen Platz aufgeben konnte.

Damit war er auf der Zielgerade fällig. Noch einmal zwei Runden später kopierte Leclerc den Trick, hing dem Red Bull am Zielstrich schon mit offenem Heckflügel im Rückspiegel, als ihn die gelbe Flagge in Kurve 1 daran hinderte, den Angriff durchzuziehen. Das war Verstappens Matchwinner.

Esteban Ocon vs. Fernando Alonso - Formel 1 - GP Saudi Arabien 2022 - Rennen
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Überholmanöver schwerer zu planen

Die positive Erkenntnis aus diesem Zweikampf ist, dass zwei völlig unterschiedliche Autos über eine ganze Renndistanz Rad-an-Rad fahren können. Der Red Bull macht seine Zeit auf den Geraden, der Ferrari in den Kurven.

"Heute hat Top-Speed den Abtrieb geschlagen", resümierte Ferrari-Teamchef Mattia Binotto. Ferrari hatte mit Bedacht etwas Top-Speed geopfert, um die Reifen zu schonen. Doch dann stellte sich heraus, dass man mit den harten Reifen ewig hätte fahren können. Das spielte Red Bull die besseren Karten in die Hand.

Das Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Ferrari und Red Bull zeigt, dass Kleinigkeiten das Pendel mal in die eine, mal in die andere Richtung ausschlagen lassen. Keiner der beiden Siegkandidaten darf sich in irgendeiner Phase des Rennens einen Fehler erlauben oder Rennpech haben.

Sergio Perez stolperte über unglückliches Timing seines Boxenstopps. Eine Runde nachdem er Reifen gewechselt hatte, ging das Safety-Car auf die Strecke und schenkte Leclerc, Verstappen und Sainz einen Boxenstopp.

Max Verstappen stellte fest: "Du musst die Überholmanöver viel besser planen als früher." Weil man einen Gegner nicht mehr abschütteln kann, indem man ihm ein paar Runden lang vor der Nase herumfährt um seine Reifen zu ruinieren. Weil man sich nach einem Überholmanöver nie sicher vor einem Konter sein kann. Und weil das DRS noch mächtiger geworden ist.

Das liegt nicht an den neuen Heckflügeln, sondern daran, dass der nachfolgende Fahrer vor der Kurve dichter aufschließen und auch dranbleiben kann. Damit muss der Verfolger auf der Gerade weniger Meter gutmachen. Red-Bull-Teamchef Christian Horner sieht jetzt schon ein neues episches Duell am Horizont.

Max Verstappen & Charles Leclerc - Formel 1 - GP Saudi Arabien 2022 - Rennen
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Gewinner sind die Fans

Das beste Beispiel wie gut die neuen Autos im Zweikampf sind, lieferten die beiden Alpine-Piloten ab. Esteban Ocon und Fernando Alonso fuhren gefühlt im Zentimeterabstand und waren trotzdem in der Lage, sich am anderen festzubeißen. Kaum war Alonso vorbei, hatte er Ocon schon wieder im Genick. Und umgekehrt. Mercedes-Strategiechef James Vowles stellte fest: "Dieses Duell wäre noch vor einem Jahr unmöglich gewesen."

Überholmanöver sind trotzdem kein Selbstläufer. Nicht einmal wenn ein Lewis Hamilton mit frischen Reifen versucht, Lance Stroll mit alten Reifen auszubremsen. Der Mercedes-Pilot musste sich zwei Runden lang hinter dem Aston Martin anstellen.

Da spielt ein Faktor mit, den keiner auf dem Schirm gehabt hat. Pirellis neue Gummis zeigen kaum Abnutzung. Oft kann man mit Uralt-Sohlen so schnell fahren wie mit frischen. Wenigstens mit den Mischungen C1, C2 und C3. Etwas kritischer ist der C4-Gummi. Deshalb ließen alle im Rennen die Finger davon.

Die neue Fahrzeuggeneration bekam von allen Seiten Lob. Selbst von denen, die im Moment noch mehr mit eigenen Problemen zu kämpfen haben. McLaren-Teamchef Andreas Seidl zog ein Fazit, das alle unterschreiben würden: "Die großen Gewinner sind die Formel 1 und seine Fans." Die endgültige Nagelprobe erwartet die Königsklasse bei den nächsten zwei Rennen. Melbourne und Imola zählten in der Vergangenheit immer zu den Strecken mit den wenigsten Überholmanövern.