Ein echtes Ziel in Form einer Platzierung ruft Aston Martin für die kommende Formel-1-Saison nicht aus. Eins ist jedoch klar: Der Rennstall aus Silverstone muss weg vom siebten Platz in der Konstrukteurs-Weltmeisterschaft, den man 2022 eingenommen hat. Dieser Platz passt nicht zum Selbstverständnis und den hohen Investitionen, die in Silverstone getätigt werden.
Aston Martin muss 2023 um die vorderen Positionen im Mittelfeld kämpfen. Es muss mehr herausspringen als die 55 Punkte im abgelaufenen Formel-1-Jahr. Die Gegner dürften dort Alpine und McLaren heißen, die 2022 ihr eigenes Rennen um den vierten Platz hinter den Topteams fuhren. Zu den beiden fehlte dem Team von Rennleiter Mike Krack über 100 Punkte.
Aston Martins Hoffnungen basieren auf mehreren Säulen. Die Neuzugänge in der Technikabteilung – allen voran Dan Fallows (von Red Bull) und Eric Blandin (von Mercedes) – sollen sich beim neuen Projekt stärker bemerkbar machen. Dieses Mal waren sie mehr oder weniger bei der Geburt des Rennwagens dabei, und stießen nicht erst dazu, als das Auto bereits lief. Und es lief schlecht. Aston Martin quälte sich zum Saisonstart 2022 mit starkem Bouncing. Der grüne Rennwagen musste deshalb mit erhöhter Bodenfreiheit betrieben werden.
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Zwei Projekte kosten Zeit
Das sorgte für hohen Abtriebsverlust, weil die Aerodynamik dafür ausgelegt war, tief und hart zu fahren. Die Werte aus Windkanal und Simulationen waren mit aufgebocktem und auf hart getrimmtem Fahrwerk nicht zu erreichen. Die Fahrer vermissten Rückmeldung in der Lenkung. Sie fühlten ihr Auto nicht. Dazu lag der Aston Martin AMR22 deutlich über dem Mindestgewicht. "Wir konnten das Auto nicht im Fenster fahren, für das es gebaut war", bedauert Einsatzleiter Tom McCullough. "Erst in Miami konnten wir eine vernünftige Renn-Pace an den Tag legen." Das war der fünfte Grand Prix des Jahres.
Da war die Entscheidung längst gefallen, eine B-Version beim darauffolgenden Rennen in Spanien debütieren zu lassen. Eine, die dem Red Bull RB18 in Teilen wie den Seitenkästen zum Verwechseln ähnlich sah. Aston Martin hatte über den Winter an zwei Projekten parallel gearbeitet.
Ab dem GP Spanien schwenkte man auf die Version um, die weniger Bouncing, ein breiteres Arbeitsfenster und bessere Entwicklungsmöglichkeiten für die Zukunft versprach. Zwei Ansätze im Köcher zu haben, machte es leichter, umzusatteln, brachte aber auch Nachteile: "Zwei verschiedene Ansätze zu verfolgen, hat uns Wochen, wenn nicht sogar Monate gekostet, ausschließlich mit dem neuen Konzept zu arbeiten." Das Konzept, das sich ab Barcelona durchsetzte. Aston Martin verbesserte sich aus dem Tabellenkeller ins breite Mittelfeld.
Aston mit zu vielen Kompromissen
Die B-Version der B-Version kam zum Heimrennen in Silverstone. Und mit ihr der nächste Schritt. Aston Martin konzentrierte sich im Saisonverlauf nach dem Großumbau der Seitenkästen vor allem auf den Unterboden und auf den Diffusor. Am Unterboden wurde insbesondere an den vorderen Leitblechen, den Eingängen in die Venturi-Kanäle, und den seitlichen Kanten gearbeitet. "Wir hatten viele Unterboden-Updates. Zum Beispiel in Paul Ricard, Silverstone und das letzte in Singapur." Der letzte größere Umbau des Jahres wurde bereits vor der Schließung der Fabriken im August abgesegnet und lanciert.
Seither konzentrieren sich die Ingenieure voll auf das 2023er Projekt. Die Truppe aus neu und alt ist eingespielter. "Wenn neue Leute kommen, geht das nie reibungslos. Sie müssen sich integrieren. Sie müssen verstehen, wie wir arbeiten und warum wir es so machen. Und wir müssen mit ihren neuen Ansätzen umgehen und sie annehmen. Das braucht Zeit." Arbeitsprozesse werden angepasst, während das Team wächst. Inzwischen hat Aston Martin das Tempo von Neuanstellungen verlangsamt. Das heißt nicht, dass nicht weitere Ingenieure dazustoßen. Man will auf das Level der Topteams wachsen.
Der Umbau während der Saison machte es Ingenieuren und Fahrern einfacher, das Auto für die jeweilige Rennstrecke zu trimmen. Der Philosophiewechsel ging allerdings einher mit einer Erhöhung des Luftwiderstands, obwohl bei Red Bull das Gegenteil der Fall ist. "Wir wussten, dass das passiert. Eine Schwäche, an der wir gezielt für 2023 arbeiten müssen, ist der Luftwiderstand. Unser Auto war nicht effizient." Es fehlte Topspeed. Das machte die Aston Martin auf den Geraden verwundbar. Und zwang die Ingenieure in zu viele Kompromisse. "Weniger als zu Beginn des Jahres, aber immer noch in zu viele."
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Neue Nase für AMR23?
Aston Martin analysierte im Detail die Stärken und Schwächen des AMR22. Wie schneidet man im Vergleich zur Konkurrenz in den verschiedenen Kurven, von langsam bis schnell, ab? Wie auf den Geraden – mit und ohne DRS? Geradeaus war man wie beschrieben zu langsam. In schnellen Kurven fehlte Abtrieb. Die ineffiziente Aerodynamik führte dazu, dass Aston Martin auf Rennstrecken, die maximalen Anpressdruck verlangen, im Verhältnis besser dastand. Weil dort alle mit großen Flügeln fahren.
Immer dort, wo man sich entscheiden musste zwischen klein oder größer – wie etwa in Spa-Francorchamps – litt Aston Martin besonders. Dann opfert man entweder Speed in den Kurven oder verhungert auf den Geraden. Eine Kröte muss man schlucken. Wobei man zum Saisonende hin auch in dieser Beziehung Fortschritte machte. Wenn auch nicht ausreichend. "Wir haben immer noch Defizite in vielen verschiedenen Bereichen. Für die Aerodynamik und die Mechanik haben wir ziemlich viele Entwicklungen am Laufen."
Der AMR23 werde so anders aussehen als sein Vorgänger, dass man es mit dem bloßen Auge erkenne. Das würde man bereits am Windkanalmodell feststellen, das der Öffentlichkeit verborgen bleibt. Einen Hinweis geben die Aston-Martin-Ingenieure. Man sei die gesamte Saison mit praktisch derselben Nase und demselben Frontflügel gefahren. Ohne einen Budgetdeckel, wie er in der Formel 1 seit 2021 besteht, hätte man in diesem Bereich sicher Änderungen vorgenommen. Man darf davon ausgehen, dass das mit dem neuen Rennwagen passiert.
Alonso in der Fabrik
Im Vergleich zum letzten Jahr entwickeln die Teams auf einer ganz anderen Basis. Die ersten Autos der neuen Ground-Effect-Ära enstanden über Annahmen und Prognosen. Jetzt haben sie echte Daten aus 22 Grand Prix. Sie wissen, wie sich die Autos in verschiedenen Fahrzuständen verhalten. Wissen lässt sich übertragen. Ein Teil jedoch nicht. Den innovativen Heckflügel mit den gewölbten Endplatten, der in Ungarn debütierte, muss Aston Martin einmotten. Die Regelhüter verbieten ihn.
Ein großes Thema sind für Aston Martin die Reifen. Der AMR22 war zu gutmütig zu ihnen. Es fiel den Piloten schwer, die Pirellis auf eine Runde ins Temperaturfenster zu bringen. Dafür half der schonende Umgang im Rennen. Wie findet man die Balance? "Das ist eine Frage, die wir uns sehr oft stellen und für deren Antwort wir viel Zeit investieren." Vielleicht kann Neuzugang Fernando Alonso mit seinen gemachten Erfahrungen bei Alpine weiterhelfen.
Der Ex-Weltmeister saß nach dem Rennen in Abu Dhabi bereits für einen Tag im AMR22. Danach sollte es für Alonso für ein paar Tage nach Silverstone in die Fabrik gehen. Um im Simulator zu testen und sein neues Team besser kennenzulernen. Und um die gewonnenen Erkenntnisse aus dem Test zu vertiefen und in die Entwicklung des AMR23 einfließen zu lassen.