Wir waren am Wochenende vor Spa bei einem Sportwagenrennen am Nürburgring. Da erzählt mir ein Journalist, dass Bertrand Gachot im Gefängnis sitzt und Eddie Jordan einen Ersatz sucht. Ich bin sofort ins Hotel gesprintet und habe Eddie angerufen. Der war zu der Zeit in Spanien im Urlaub. Wir kannten uns gut aus der Formel 3, und ich stand mit ihm in Verhandlungen, sein Formel 3000-Team zu kaufen.
Eddie sagte mir, dass er schon einen Ersatzfahrer habe. Er hätte bereits mit Stefan Johansson verhandelt. Ich habe versucht, ihm meinen Michael schmackhaft zu machen. Eddie antwortete nur: „Who, the fuck, is Schumacher?“ Ich sagte: „Das ist der, der letztes Jahr Macau gewonnen hat.“ Das machte Eindruck.
Notlüge bringt Schumacher ins Jordan-Cockpit
Dann kam sofort die Frage: „Ist der schon mal in Spa gefahren? Ich kann dort nur einen ins Auto lassen, der die Strecke kennt. Das ist sonst zu gefährlich.“ Da musste eine Notlüge her. Ich sagte: „Eddie, der kennt Spa wie seine Westentasche. Liegt doch vor seiner Haustüre. Kerpen ist gleich um die Ecke.“ Erst viel später kam die Wahrheit raus. Aber da war es auch schon egal, weil Michael auf dem siebten Startplatz stand. Da wurde sein Können nicht mehr in Frage gestellt.
Ich jedenfalls habe Eddie gelöchert und gelöchert. Dann kam mir noch Mercedes-Mann Gerd Krämer in die Quere, der plötzlich Bernd Schneider ins Spiel brachte, weil Eddie ja lieber einen Piloten mit Erfahrung gehabt hätte. Ich musste wieder von vorne anfangen und habe auf Eddie eingeredet: „Pass auf, ich würde dir niemals den Schumacher empfehlen, wenn ich nicht wüsste, dass es funktioniert.“
Daraufhin schlug Eddie vor, dass wir zur Sitzprobe und zu einem kurzen Test auf dem kleinen Kurs von Silverstone nach England kommen sollten. Da wollten wir sowieso hin, weil ich mit Arrows wegen Michael über die Saison 1992 sprechen wollte. Die hatten uns zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Das haben wir dann miteinander verbunden.
80.000 Dollar für den Test, 450.000 Dollar für das Rennen
Eddie wollte natürlich Geld. Er sagte, dass ihn der Test 80.000 Dollar kostet. Sobald das Geld auf dem Konto sei, könnten wir testen. Also habe ich die 80.000 angewiesen. Dann sind wir also den Test gefahren. Noch während Michael auf der Strecke war, rief der Renningenieur Trevor Foster Eddie an und hat ihm gesagt: „Der fährt Rundenzeiten jenseits von Gut und Böse.“ Da hatte sich der Michael gerade mal ein bisschen eingeschossen.
Drei Minuten später kommt ganz aufgeregt ein Ingenieur von Ford und forderte mich auf: „Sag deinem Jungen, er soll es ruhiger angehen lassen. Wir brauchen den Motor noch in Spa.“ Ich habe ihm geantwortet, dass ich ja wohl schlecht meinem Mann sagen kann, dass er bei einem Test langsam fahren soll. Der soll zeigen, was er kann. Der Ford-Mann war so sauer, dass er Trevor befohlen hat, Michael zu stoppen, aus Angst er könnte den Motor killen.
Bis dahin hatte er aber schon gezeigt, was er kann. Auch Eddie war überzeugt. Trotzdem ließ er mich sofort wissen, dass er in Spa erst ins Auto kann, wenn 450.000 Dollar bezahlt würden. Die haben wir dann mit Hilfe von Sauber, Mercedes und Michaels Sponsor Dekra aufgetrieben. In der ganzen Aufregung hatten wir vergessen, Zimmer zu reservieren und sind dann in der Jugendherberge gelandet. War schon ein bisschen einfach, aber zu dem Zeitpunkt war uns alles egal. Wir hätten auch unter dem Truck gepennt.
Gerichtsvollzieher bringt F1-Debüt in Gefahr
Am Samstag gab es noch Ärger mit einem Gerichtsvollzieher, der die Trucks beschlagnahmen wollte. Das war das Schlimmste überhaupt. Jetzt standen wir so nah dran, und plötzlich sollte alles zu Ende sein. Egal wie, das Geld zum Auslösen der Trucks wurde irgendwie aufgetrieben.
Ich habe Michael total abgeschirmt. Er sollte sich nur aufs Fahren und seine Arbeit mit den Ingenieuren konzentrieren. Wir waren so aufgeregt, dass wir die Randerscheinungen gar nicht so wahrgenommen hatten. Für uns sind alle Träume auf einmal in Erfüllung gegangen. Am Samstagabend sind wir Pizza essen gegangen und haben uns wie Weihnachten gefühlt.
Andrea de Cesaris war fix und fertig. Der arme Kerl hat mich nur gefragt: „Wer ist dieser Kerl?“ Ich habe ihm gesagt: „Du wirst ihn schon noch früh genug kennenlernen.“ Natürlich wollten mich auch gleich ein paar Teamchefs sprechen. Ich hätte eigentlich nur meine Visitenkarte an die Boxenmauer nageln müssen. Aber etwas anderes als Jordan kam uns an dem Wochenende gar nicht in den Sinn.
Schumacher zunächst gegen Benetton-Wechsel
Michael fühlte sich wohl dort. Selbst als zwei Wochen später Benetton auf den Spielplan trat, war er zuerst der Meinung, wir sollten besser bei Jordan bleiben. Er hatte Angst, der Schritt zu Benetton käme zu früh. Der Sonntag war zwar schnell zu Ende, aber der Eindruck, den Michael im Training hinterlassen hatte, reichte völlig aus.
Nach dem Rennen mussten wir wieder zurück in unsere Jugendherberge, um unser Gepäck abzuholen. Dummerweise hatte die belgische Polizei einen Einbahnverkehr Richtung Autobahn eingerichtet, und wir kamen nicht an unsere Herberge ran. Wir sind bestimmt eineinhalb Stunden durch die Gegend geirrt, bis wir da waren, wo wir hinwollten.
Auf der Heimfahrt nach Kerpen haben wir dann natürlich noch mal über das Wochenende geredet. Klar, war der frühe Ausfall eine Enttäuschung, vor allem wenn man bedenkt, dass er gewinnen hätte können, aber insgesamt war der Eindruck positiv. Michael hatte alles gemacht, was möglich war.
In unserer Fotogalerie zeigen wir noch einmal die besten Bilder von Schumachers Formel 1-Debüt in Spa. Hier haben wir die Links zu den anderen Teilen unserer Jubiläums-Serie:
Teil 2: Eddie Jordan: Schumachers Karriere begann mit einer Lüge
Teil 3: Ian Phillips: „Schumacher ein Verrückter oder ein Superstar“