In Mexiko kannte die Begeisterung schon keine Grenzen. In São Paulo ist die Unterstützung für Franco Colapinto noch einmal deutlich größer als bei den ersten Auftritten des Rookies, obwohl die Argentinier bekanntlich nicht immer ein besonders entspanntes Verhältnis zu ihren brasilianischen Nachbarn pflegen. Der 21-Jährige hat in seinem Heimatland ein wahres Formel-1-Fieber entfacht. Sogar Fußball-Gott Lionel Messi soll Colapinto die Daumen drücken.
Williams-Teamchef James Vowles gibt zu, dass er selbst von der guten Performance seines Junior-Piloten überrascht wurde. "Es wird sogar noch mehr von ihm kommen. Wenn man sich seine Leistungen in Mexiko und Austin anschaut, dann kann man schnell vergessen, dass er erst eine Handvoll Rennen in der Formel 1 absolviert hat. Alle großen Fahrer sind mit der Zeit gewachsen. Der Lernprozess hört nicht nach vier oder fünf Rennen auf. Da wird noch eine große Steigerung kommen."

Franco Colapinto hat ein großes Formel-1-Fieber in Argentien entfacht.
Kein Platz bei Williams
Auch bei der Konkurrenz sind die guten Leistungen des Rookies nicht unentdeckt geblieben. Nach nicht einmal einer Saison in der Formel 2 schaffte Colapinto den Sprung in die Königsklasse ohne Anpassungsschwierigkeiten. Neben dem reinen Talent haben vor allem die Reife und das Selbstvertrauen die Williams-Teamführung überzeugt. Das Problem: Mit Alex Albon und Carlos Sainz hat der britische Traditionsrennstall schon zwei Fahrer für die kommende Saison unter Vertrag.
In der FIA-Pressekonferenz von São Paulo signalisierte Vowles am Freitag (1.11.), seine Bereitschaft, das Talent an die Konkurrenz abzugeben. Allerdings müssen die Bedingungen stimmen: "Wir loten gerade mit einer Reihe von interessierten Teams die Möglichkeiten aus. Es gibt aber noch nichts zu verkünden. Wenn es soweit ist, gebe ich gerne mehr Auskunft, denn Franco ist wirklich ein besonderer Fahrer."
Colapinto würde neben Talent wohl auch ordentlich Sponsorengeld aus der Heimat mitbringen. Vowles wies auf die Begeisterung hin, die Colapinto mit seinen guten Leistungen entfacht hat: "Man muss nur mal rausschauen. Hier sind Zehntausende vor Ort, um einen Fahrer zu unterstützen, der erst seit fünf Rennen dabei ist. Er hat einen tollen Job auf der Strecke abgeliefert. Wir müssen aber immer bedenken, dass er erst 21 Jahre alt ist. Ich habe eine Verantwortung für ihn und muss sicherstellen, dass wir das Richtige tun."

James Vowles sucht nach einer Lösung, die gut für Williams und für Colapinto ist.
Gute Lösung für alle Seiten
Laut Vowles müsse man erst einmal herausfinden, was die anderen Teams genau wollen. "Auf dieser Basis müssen wir dann entscheiden, was die beste Lösung für alle ist." Für Williams geht es vor allem darum, den Zugriff auf den Junior-Piloten nicht komplett zu verlieren. Für Carlos Sainz besteht offenbar die Möglichkeit, das Team nach nur einer Saison zu verlassen, sollte Red Bull anklopfen. Dieser Fall würde aber wohl nur dann eintreten, wenn Max Verstappen das Weltmeisterteam verlässt.
Diese Konstellation würde für beide Parteien die Möglichkeit eines Deals eröffnen. Solange Sainz für Williams fährt, benötigt man die Dienste von Colapinto nicht. Für den Fall, dass der Spanier doch abwandert, könnte sich Red Bull im Gegenzug verpflichten, den Argentinier wieder zurückzugeben. Noch sind solche Wechselspielchen nur graue Theorie. Doch am Freitag stattete Christian Horner dem Williams-Pavillon schon mal einen Besuch ab, um die Optionen abzuklopfen.
Vowles scherzte, dass der Red-Bull-Teamchef nur auf einen Kaffee vorbeischaute. Er verriet aber auch: "Wenn zwei Formel-1-Teams verhandeln, ist es nie einfach. Wir kämpfen auf der Strecke gegeneinander, aber wir versuchen auch eine Lösung für die Karriere eines jungen Mannes zu finden. Hoffentlich haben wir bald gute Nachrichten. Ich bin zuversichtlich, dass wir die Sache vor dem letzten Saisonrennen abschließen. Aber es ist schwer, jetzt einen genauen Zeitpunkt zu nennen."

Teamchef Christian Horner schaute in São Paulo schon am Freitag bei Williams vorbei.
Was passiert mit Sergio Perez?
Ein reines Leihgeschäft hatte Red-Bull-Sportchef Helmut Marko bereits ausgeschlossen. Einfach verschenken wird Williams sein Talent aber auch nicht. Bei den Verhandlungen geht es sicher auch um eine Ablösesumme. Der Preis ist wie immer abhängig von Angebot und Nachfrage. Wenn Colapinto seine Form weiter steigert und Sergio Perez weiterhin nur wenig zum Red-Bull-Erfolg beiträgt, könnte es am Ende teuer werden.
Horner hatte in Mexiko angekündigt, dass beim Thema Perez schwierige Entscheidungen bevorstehen. Damit öffnete er die Tür für Spekulationen. Der Teamchef wollte auf konkrete Nachfrage nicht einmal versichern, dass der Nummer-zwei-Pilot noch bis Saisonende an Bord bleibt. Ein Rausschmiss ist aber offenbar nicht so einfach möglich. Perez hat einen wasserdichten Vertrag unterschrieben, der auch noch 2025 gilt.
Unklar ist, ob bei anhaltendem sportlichem Misserfolg irgendwann Klauseln greifen, die eine Trennung ermöglichen. Oder ob man den Mexikaner einfach ausbezahlen kann. Perez selbst gibt sich trotz Dauerkrise und Spekulationen über eine Trennung selbstbewusst: "Das sind nur Gerüchte. Da braucht es mehr Professionalität, auch von Seiten der Medien. Ich werde in Las Vegas dabei sein und ich werde nächstes Jahr dabei sein."
Helmut Marko deutete im Gespräch mit Sky aber noch einmal an, dass sich die Teamführung nicht tatenlos zuschauen wird, wenn keine Besserung eintritt: "Es ist richtig: Sergio Perez hat einen Vertrag für die nächste Saison. Aber die Formel 1 ist eine Leistungsgesellschaft. In der Konstrukteursmeisterschaft sieht es dieses Jahr nicht gut aus für uns. Da müssen beide Fahrer abliefern. Wenn er die Leistung bringt, dann sitzt er auch im Auto."