Diese Saison kostet Mattia Binotto den Job, obwohl er alle gesteckten Ziele eigentlich erfüllt hat. Der Mann mit der Harry-Potter-Brille räumt nach Tagen der Spekulationen seinen Stuhl in Maranello. Das gab Ferrari am Dienstag (29.11.2022) bekannt. Man habe den eingereichten Rücktritt des 53-Jährigen akzeptiert, heißt es in einer Mitteilung. Die Scuderia verpasste es, Binotto den Rücken zu stärken. Statt auf Kontinuität im oberen Team-Management zu setzen, wie es Mercedes und Red Bull erfolgreich vormachen, will es Ferrari mit einem neuen Rennleiter versuchen.
Ferrari-CEO Benedetto Vigna kommentiert: "Ich möchte Mattia für seinen Beitrag über die letzten 28 Jahre bei Ferrari danken. Und speziell dafür, das Team während der vergangenen Saison wieder wettbewerbsfähig gemacht zu haben. Dadurch sind wir in einer starken Position, unsere Herausforderung zu erneuern, um den ultimativen Preis im Motorsport zu gewinnen." Das ist der WM-Titel in der Formel 1.
Noch gibt es keinen Nachfolger als Teamchef und Leiter der Ferrari-Sportabteilung. Es könnte bis zum kommenden Jahr dauern, bis einer gefunden ist. Bis zum 31. Dezember jedenfalls leitet Binotto das Rennteam weiter. Favorit auf seine Nachfolge soll Alfa-Sauber-Rennleiter Frederic Vasseur sein. Der Franzose verhandelt mit Ferrari, benötigt jedoch mitunter die Freigabe seines Teams. Seit Jean Todt, seit 2008 hat Ferrari nun den vierten Teamchef verschlissen: Stefano Domenicali, Marco Mattiacci, Maurizio Arrivabene und jetzt Mattia Binotto.
Ihm wurde Red Bulls Erfolgsserie der letzten Monate zum Verhängnis. Und dem Umstand, dass Ferrari nach starkem Start ganz offensichtlich die Geduld verloren hat, weil man aus allen WM-Träumen gerissen wurde. Aufgrund von Defekten, einer leicht fehlgeleiteten Fahrzeugentwicklung, Taktik-Patzern und Fahrfehlern.

Gestörtes Verhältnis bei Ferrari
Das Jahr begann für den erfolgreichsten Rennstall der Formel-1-Geschichte mit zwei Siegen in den ersten drei Rennen. Da dachten fast alle im Fahrerlager, Ferrari sei mit Charles Leclerc auf dem Weg zum Weltmeistertitel – dem ersten bei den Fahrern seit 2007. Jedoch wendete sich das Blatt. Red Bull entwickelte sein Auto besser, speckte den RB18 ab, und Max Verstappen räumte Sieg um Sieg ab.
Ferrari unterliefen dagegen zu viele Fehler – bei der Abwicklung der Rennwochenenden, bei der Strategie, und mit den Fahrern. In Summe verbuchte Red Bull 17 Siege in 22 Rennen. Das Team aus Milton Keynes gewann mit Verstappen die Fahrer-WM und holte obendrauf den Konstrukteurs-Pokal. In beiden Fällen vorzeitig. Ferrari gewann deren vier Grand Prix. Keinen einzigen in der zweiten Jahreshälfte.
Die Scuderia hatte sich auch mit der Entwicklung des F1-75 verzettelt. Auf der Suche nach effizienterem Anpressdruck über den Unterboden verkleinerte sich das Arbeitsfenster des roten Autos. Red Bull zog weg, Mercedes näherte sich von hinten. Beinahe hätte Ferrari noch den zweiten WM-Platz verloren. Man rettete ihn mit einer souveränen Vorstellung beim Saisonfinale in Abu Dhabi. Dort war Ferrari wieder der erste Gegner von Red Bull.
Es reichte nicht, damit sich die Chefetage um CEO Benedetto Vigna und Aufsichtsratchef John Elkann zu Binotto bekennt. Sein Arbeitsplatz wackelte davor und danach. Zwar hatte Ferrari noch vor dem GP Abu Dhabi alle Gerüchte und Berichte dementiert, wonach eine Ablösung Binottos nicht stimme. Doch die Dementis klangen damals schon halbherzig. Schon länger war bekannt, dass der 53-Jährige nicht das beste Verhältnis zu Ferrari-Oberhaupt Elkann habe.
Binotto vier Jahre Ferrari-Teamchef
Offensichtlich genügte die Entwicklung nicht den Vorstellungen der Führungsspitze. Dabei hat Ferrari in dieser Saison einen erkennbaren Fortschritt erzielt. 2020 und 2021 hatte man zwei sieglose Saisons verbucht. In diesen zwei Jahren gab es acht Podestplatzierungen in 39 Grand Prix. 2022 allein deren 20. Ferrari hat ein gutes Auto. Allerdings, und darauf verweisen manche im Fahrerlager, scheint es an gefestigten Strukturen und Prozessen zu fehlen. Zu oft wiederholten sich strategische Pannen.
Ferrari ist im Vergleich zu Red Bull und Mercedes nicht sattelfest. Auch dort passieren Fehler – nur nicht in dieser Häufigkeit. Allerdings: Ein Neuaufbau, wie ihn Ferrari nach der Katastrophen-Saison 2020 eingeleitet hatte, braucht Zeit. "Ich verlasse nach 28 Jahren eine Firma, die ich liebe, mit der Gelassenheit, die sich aus der Überzeugung ergibt, dass ich alles getan habe, um die gesetzten Ziele zu erreichen", sagt der scheidende Teamchef. "Ich verlasse ein geeintes und wachsendes Team. Ein starkes Team, das sicher bereit ist, die höchsten Ziele zu erreichen, und dem ich für die Zukunft alles Gute wünsche. Ich denke, es ist richtig, diesen Schritt zu diesem Zeitpunkt zu gehen, so schwer mir diese Entscheidung auch gefallen ist."
Binotto verzichtete stets darauf, Kritik öffentlich zu äußern. So schützte er seine Mitarbeiter. Sein Problem: Ferrari ist der Rennstall der Herzen, und Italiens Nationalstolz. Kein Team weckt so große Emotionen. Kein Team wird nach Siegen so in den Himmel gelobt und nach Niederlagen so stark kritisiert. Binotto hat in diesem Umfeld vier Saisons lang als Boss der Scuderia durchgehalten. Er war 2016 zum Technikchef befördert worden, und ging drei Jahre später als Sieger eines internen Zweikampfs mit Rennleiter Maurizio Arrivabene hervor. Binotto wurde Anfang 2019 zum Teamchef, sein Rivale musste gehen.

Vasseur und Leclerc kennen sich
Nach einer unterm Strich positiven Saison, in der Ferrari die gesteckten Ziele erfüllte, verlässt Binotto zum Jahresende seinen Arbeitsplatz. Die Rückendeckung hatte schon vorher gebröckelt – beziehungsweise gefehlt. Maranello hatte bereits im Winter die Fühler ausgestreckt. Die Wunschkandidaten Andreas Seidl (McLaren) und Christian Horner (Red Bull) wollten sich nicht auf den Schleudersitz setzen. Also bekam Binotto ein Jahr Galgenfrist. Auch ihm wurde spätestens im Saisonendspurt klar, dass es ohne maximales Vertrauen, ohne den 100-prozentigen Rückhalt nicht weitergehen kann. Da hätte sich Binotto selbst keinen Gefallen getan. Also zog er Konsequenzen und bot seinen Rücktritt an.
Alfa-Teamchef Frederic Vasseur soll die Kandidatenliste anführen. Die Top Shots wagen sich auch weiter nicht an Maranello heran. Was viel über den Zustand der Scuderia aussagt. Wenn man als WM-Zweiter bereits gehen muss, ist auch für den Neuen der WM-Titel Pflicht. Und den kann kein Mensch garantieren. Der Arbeitsplatz ist in Gefahr, bevor man überhaupt antritt.
Vasseur könnte es riskieren. Vielleicht weil seine mittel- bis langfristige Zukunft bei Sauber nach dem Einstieg von Audi unsicher ist. Sollten sich die Parteien einigen steht fest: Ferrari wird ihm alles abverlangen. Ein Team wie die Scuderia, mit ihren internen Politik- und Machtspielen, die Binotto bestens kannte, verlangt nach deutlich mehr Aufmerksamkeit als der Schweizer Rennstall Sauber. Vasseur würde in Maranello buckeln müssen, wenn er sich Freunde und Verbündete im Team machen will – und Ferrari dorthin führen möchte, wo das Team nach eigenem Anspruch hingehört: an die Spitze der Weltmeisterschaft. Und nur dorthin.
Ferrari lechzt nach dem ersten Fahrertitel seit 2007 und dem ersten Konstrukteurs-Pokal seit 2008. Eine Vertrauensperson hätte Vasseur bereits in den eigenen Reihen. Der Franzose und Charles Leclerc kennen sich seit Jahren. Der Monegasse gewann 2016 die GP3-Meisterschaft für Vasseurs ART-Mannschaft. Es war das Jahr, als Ferrari Leclerc in sein Förderprogramm aufnahm. Und beide arbeiteten 2018 bei Sauber zusammen.