Von "nichts weniger als der Neuerfindung des Automobils" sprach Volker Breid, Geschäftsführer der Motor Presse Stuttgart, zur Begrüßung der fast 400 Automanager, die am 31. März 2016 beim 7. auto motor und sport-Kongress teilnahmen. Die Automobilunternehmen wandelten sich vom Hersteller zum Mobilitätsanbieter, die sich darauf konzentrieren müssten, was ihre Kunden wollen.
Dabei hätten sie es mit einer sehr erfolgreichen Konkurrenz aus dem Silicon Valley zu tun. Google und Apple, aber auch Diensteanbieter wie Uber und airbnb hätten es verstanden, genau auf Kundenwünsche einzugehen. Und deshalb gehe die erste Halbzeit einer Entwicklung, die Breid mit einem Fußballspiel beschreibt, an das Silicon Valley.
Anpfiff zur zweiten Halbzeit für die Automobilindustrie
Und doch ist Breid optimistisch, dass das Spiel für die Autohersteller noch nicht verloren ist. Vor dem Start der 2. Halbzeit stehe fest:
- Daten sind die wichtigste Währung der Zukunft
- Technik generiert Bedürfnisse
- Ohne eine Prise Start-up-Mentalität geht es nicht
Und da sehe es für die Hersteller viel besser aus. "In der 2. Halbzeit kommen die richtigen Dinge ins Spiel: Autos, Tankstellen, Infrastruktur."
Lösungen für nachhaltige Mobilität
Welche Herausforderungen hat die Autoindustrie in der 2. Halbzeit zu bewältigen? Das beschrieb Timm Ramms, Geschäftsbereichsleiter Automobil der Motor Presse Stuttgart. "Wie bewegen sich Menschen fort? Wie gehen wir mit der wachsenden Urbanität um?", fragte Ramms in die Runde. "Die Hälfte der Menschen lebt heute in Städten, 2050 werden es 70 Prozent sein. Wir brauchen also Mobilitätslösungen für den urbanen Raum."
Und hier spiele auch die Digitalisierung eine wichtige Rolle und werfe neue Fragen auf. Was passiert, wenn selbstfahrende Autos gehackt werden? Was geschieht, wenn ein Roboter einen Unfall baut? Welche Algorithmen entscheiden über Opfer und Überlebende bei einem Unfall?
She’s Mercedes: Der Fokus auf Frauen
Spricht das autonom fahrende Auto wirklich alle Zielgruppen an oder ist es mehr ein Thema für Männer? Digitalisierung und Internet, das ist für Ola Källenius, Vorstandsmitglied der Daimler AG und verantwortlich für den Mercedes-Benz Cars Vertrieb, eine Chance, seine Kunden ganz neu anzusprechen.
Vor allem Frauen, weniger getrieben von Technik, mehr von Lifestyle. Und deshalb habe Mercedes mit She’s Mercedes einen Car Configurator geschaffen, mit dem sich Lifestyle und weniger die Technik gestalten lässt. "Die meisten Car Configuratoren sind sehr technisch. Das macht vielen Spaß, aber nicht allen", sagte Källenius.
Ganz anders mit She’s Mercedes. Eine Community, die auch einen Club - etwa in Berlin - hat, wo sich Mercedes-Fans treffen, Kultur und Formel 1 genießen können. Und wenn es an den Autokauf geht, dann gibt es im Autohaus einen Concierge. Und der erklärt der potentiellen Käuferin, wie die Technik des Autos funktioniert. "Ohne Verkaufsdruck." Das könnte den Damen gefallen.
Auto und Smartphone wachsen zusammen
Mobilität hat immer mehr mit mobilen Endgeräten zu tun, überraschte Google-Deutschlandchef Phillipp Justus auf dem auto motor und sport-Kongress. "Oft beginnt sogar im Auto erst die Nutzung von Mobilgeräten." Stimmt: Das Auto als Bühne für das, was ein Smartphone inzwischen kann.
Für Google gehe es aber nicht nur darum, mobile Endgeräte und das Auto optimal zu verbinden. Es gehe dem Konzern viel mehr auch darum, Verkehrsträger intelligent zu vernetzen. Das ermögliche neue Mobilitätslösungen. Und das umso mehr, als dass die Menschen heute nicht mehr wie Boris Becker einst zeitweise ins Netz gehen. "Heute leben wir online", so Justus. Rund um die Uhr.
Digitalisierung endet nicht an der Tankstelle
Ganz andere Gedanken macht sich dagegen Hans-Christian Gützkow, Geschäftsführer von Total Deutschland. Er stehe vor der Herausforderung, weiterhin ein Tankstellennetz zu betreiben, das aufgrund von Downsizing und geringen Verbräuchen weniger ausgelastet ist. Deshalb frage er sich, wie die Tankstelle der Zukunft aussehen könnte? Wie kann sie autonom fahrende Autos bedienen, damit diese sogar automatisch tanken können? Welche Wünsche und Ansprüche haben Autofahrer künftig an eine Tankstelle?
Vor allem die Fahrer von Carsharing-Autos wollen möglichst bargeldlos bezahlen, ohne mit Tankkarte und PIN bewaffnet in der Schlange an der Kasse stehen zu müssen. Deshalb wird Total gemeinsam mit dem Anbieter DriveNow ab Juni in Berlin ein Bezahlsystem einführen, bei dem das Auto selbst die Tankrechnung – nach Bestätigung durch den Fahrer – bezahlt. Betrug ist nicht möglich: Ohne Bezahlung wird das Auto nicht freigegeben und rührt sich nicht mehr vom Fleck.
Welche Wünsche muss die Tankstelle der Zukunft noch erfüllen? Das weiß Gützkow aus einem Wettbewerb im Internet. Es ging dabei um eine Tankstelle der Zukunft im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg. 91 Konzepte und 10.000 Kommentare sammelte Total ein, die nun ausgewertet werden. Sicherlich sind viele Wünsche dabei, die Gützkow verwirklichen will.
Ist Autobesitz in Zukunft überhaupt noch attraktiv?
Eines der provozierendsten Szenarien für die Branche zeichnete Frank Gaßner, Vice-President Automotive SI-Sales bei T-Systems. Er malte das Bild einer Stadt, in dem jeder ein autonom fahrendes Auto wie ein Taxi rufen kann, das ihn zum Ziel fährt und anschließend bargeldlos bezahlt wird. Und je nach Zweck – Familienausflug Großeinkauf, Fahrt ins Grüne – könne man auch noch unterschiedliche Autos bestellen. "Wenn das Realität wird, hat das dramatische Auswirkungen auf die Autoindustrie", sagte Gaßner.
Denn dann sei Autobesitz nicht mehr attraktiv und auch gar nicht mehr nötig. Der IT-Manager erinnerte an den früheren Branchenführer für Mobiltelefone, der inzwischen fast völlig verschwunden ist: Nokia. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei Sony: Einst Branchenriese im Musikmarkt dank Walkman und dessen Nachfolger Disc-Man, bis Apple mit iTunes und digitaler Musik den Markt neu aufrollte. Gaßner: "Der Automarkt hat sich durch die Digitalisierung völlig verändert. Die Branche muss querdenken."
Warum Strom, Datennetze und Versicherungen viel mit Mobilität zu tun haben
Was haben eigentlich die Telekom und Kfz-Versicherer mit der Mobilität der Zukunft zu tun? Und warum ist die Stromversorgung im Auto künftig so wichtig? Und was, bitteschön, sind People Mover?
Impulsreferate sollen ja Impulse setzen. Und das haben die Referenten des Nachmittags auch geschafft und dabei erklärt, wie wichtig eine Millisekunde im mobilen Datennetz der Telekom ist, warum die Rolle der Kfz-Versicherer so wichtig ist für autonome Automobile und warum man eine Batterie nicht wie einen Tank leerfahren sollte.
Letzteres hat einen einfachen Grund: Wenn man eine Autobatterie erst dann auflädt, wenn sie fast leer ist, dann dauert das Laden entsprechend lange. "Das macht man ja auch nicht beim Handy: Man lädt es nicht erst, wenn der Akku leer ist, sondern wenn sich eine Gelegenheit ergibt", so Jörg Grotendorst, Leiter der Division E-Mobility beim Automobilzulieferer ZF.
Und warum ist das wichtig? Weil Grotendorst davon ausgeht, dass sich Elektromobilität am Ende doch schneller durchsetzen wird als erwartet. Und entsprechend die Netze belasten wird. Norwegen könnte mit seinem Beschluss, ab 2025 nur noch emissionsfreie Autos zuzulassen, eine Lawine losgetreten haben. In den auto motor und sport-Kongress hinein platzte die Meldung, dass auch Holland über solch eine Maßnahme nachdenkt.
Zunächst werden sich laut ZF die Plug-in-Hybride durchsetzen, die zeigen sollen, dass man Kurzstrecken in Ballungsräumen emissionsfrei zurücklegen kann. Anschließend werde das rein elektrische Auto den Hybrid ablösen.
Auch im Auto muss die Stromversorgungen klappen
Auf einen ganz anderen Aspekt lenkte Prof. Burkhard Göschel den Blick in Sachen Elektromobilität. Der frühere BMW- und Magna-Manager ist inzwischen beim Automobilzulieferer Rohm Semiconductor gelandet, ein Anbieter von System LSIs, Modulen und diskreten Bauelementen. "Wir brauchen eine sichere Elektroversorgung im Auto, um die Funktionssicherheit elektrischer Systeme zu gewährleisten", so Göschel. Ein Problem, das wohl den wenigsten Zuhörern bewusst war.
Denn das Problem ist: Assistenzsysteme, der Elektroantrieb und die Informationssysteme müssen laufend und sicher mit Strom versorgt werden. "Doch deren Anforderungen sind extrem unterschiedlich, müssen aber von einem System gelöst werden."
Ein Netz mit 1 Millisekunde Reaktionszeit
Ausgesprochen knifflige Aufgaben hat auch der Technikchef der Deutschen Telekom, Bruno Jacobfeuerborn, zu lösen. Denn er muss ein mobiles Datennetz aufbauen, über das autonom fahrende Autos sicher und ohne Fehler miteinander kommunizieren können. Netzausfälle sind tabu. Und ebenso wichtig ist die Reaktionszeit: Wenn hinter eine Kurve eine Unfallstelle liegt, müssen die nachfolgenden Autos sofort gewarnt werden. Maximale Reaktionszeit: 1 Millisekunde. Das autonome Fahren werde also die IT- und Autoindustrie eng zusammenrücken lassen.
Und welche Visionen ergeben sich da? Ein Straßennetz ohne Ampeln zum Beispiel, wenn nicht nur alle Autos, sondern auch Radfahrer und Fußgänger vernetzt sind.
Wir können auch die Verkehrsschilder abmontieren
Gleich die Verkehrsschilder abbauen will Norbert Barthle, Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium. "Es ist denkbar, dass wir künftig gar keine Verkehrsschilder mehr und keine festen Tempolimits mehr brauchen, sondern je nach Situation anordnen", so Barthle. Und das sei dann möglich über das schnelle Datennetz, das die Telekom aufbauen müsse.
Dabei rechnet der Staatssekretär mit kurzen Fristen. "Unser Ziel ist es, bis 2020 auf Autobahnen, autobahnähnlichen Straßen und Parkäusern autonomes Fahren zu ermöglichen. Dieses Ziel sehe ich als sehr realistisch an."
Ganz andere Gedanken macht sich der baden-württembergische Datenschützer Jan Wacke. Sorgen macht ihm die mögliche totale Überwachung der Menschen. Selbst intelligente Stromnetze liefern Daten über Haushalte, erst recht das vernetzte Auto. "Das ist besonders problematisch, weil da auch Bewegungsprofile möglich sind. Rückschlüsse auf Einkaufs- und Lebensgewohnheiten, wohin fährt ein Mensch, welche Ziele steuert er an."
People Mover werden die Autoindustrie dramatisch verändern
Wasser in den Wein goss auch Continental-Chef Elmar Degenhart. Er lenkte den Blick auf das weiter ungebremste Wachstum der Ballungsräume weltweit. Während von jetzt 7,3 Milliarden Menschen heute gut die Hälfte in Städten lebe, seien das 2060 von dann 10 Milliarden Menschen 70 Prozent. "Das sind doppelt so viele wie heute", warnt Degenhart. "Das hat dramatische Auswirkungen auf die Autoindustrie. Es wird dann sogenannte People Mover geben, das sind Fahrzeuge, die nicht mehr nur eine Stunde fahren, sondern vielleicht 22 Stunden. Und sie werden viel kleiner sein als heutige Autos."
Diese Autos würden zwar autonom fahren, aber nur auf bestimmten Strecken. "Dass ein Auto autonom kreuz und quer und auf Kommando nach Barcelona fährt, das ist reine Zukunftsmusik."
„Wir werden auch autonom fahrende Autos versichern“
Und was ist, wenn ein autonom fahrendes Auto doch nicht so fehlerlos funktioniert und einen Unfall baut? "Im Fall eines Unfalls soll es gleichgültig sein, ob der Fahrer oder der Autopilot gesteuert hat. In beiden Fällen wird der Schaden von der Versicherung abgedeckt." Dieses starke Versprechen macht der Chef der HUK-Coburg, Jörg Rheinländer.
Dieses Versprechen ist ausgesprochen wichtig, um überhaupt das autonome Fahren abzusichern und auf die Straße zu bringen. Und Rheinländer versprach sogar noch mehr, wenn das autonome Auto wirklich auch zu sinkenden Unfallzahlen führt. "Es wird niedrigere Prämien geben, wenn das Schadensaufkommen sinkt." Aber die Kfz-Versicherung werde sicher nicht überflüssig, weil es immer noch Schäden geben kann, wenn beispielsweise der Fahrer wieder übernimmt oder es zu Schäden durch Dritte kommt.
Wir erleben die Neuerfindung des Automobils
Bleibt noch die Frage, was das Automobil der Zukunft ausmacht? "Was wir in den nächsten fünf bis sieben Jahren erleben werden, ist die erste Neuerfindung des Automobils seit der Erfindung durch Carl Benz." Starke Worte von Johann Jungwirth, Chief Digital Officer bei VW.
Der frühere Apple-Manager glaubt, dass sich die Kernkompetenz des Autos in den nächsten Jahren total verändern wird. "Früher war der Motor das Kernstück des Automobils. Das wird künftig das selbstfahrende System sein."
Und das werde die urbane Mobilität völlig verändern und auch das Bild der Städte neu prägen. "In Zukunft kann 1/7 der Fahrzeugflotte die gesamte Verkehrsleistung übernehmen", so Jungwirth. Diese Autos sind im Dauereinsatz, transportieren Menschen von A nach B. Sie werden umgekehrt nach zwei Jahren auch ihre maximale Kilometerleistung erreicht haben. Das heißt: Der Pkw-Bedarf wird gar nicht sinken, aber die Flotte wird moderner. Persönlicher Besitz eines Autos wird allerdings nicht mehr nötig sein.
Deshalb sind Parkflächen am Straßenrand nicht mehr notwendig, die Seitenbereiche werden größer, es gibt mehr Raum für Grünanlagen, Plätze, Fuß- und Radwege. Und große Parkplätze mitten in der Stadt können wertvolles Bauland oder zu Parkanlagen werden.
Ganz neue, ganz schöne Aussichten.