Eigentlich dürften sich Designer von E-Autos freuen: Kein störender Kardanbuckel im Innenraum mehr, kein riesiger Verbrennungsmotor mit all dem Nebenaggregate-Quatsch unter der Motorhaube, nur noch klein bauende E-Maschinen, kein Tank, kein Kühler, kein großes Getriebe. Das erlaubt lange Radstände und kleine Überhänge, große Räder brauchen E-Autos sowieso. Das wäre alles so schön, wären da nicht diese verdammten Batterien, die im Unterboden viel zu viel Platz wegnehmen. Kein Wunder, dass anfangs vor allem hochbeinige und hochbauende SUV und Crossover mit reinem E-Antrieb am Start waren.
Elektro-Limousinen sehen nicht gut aus
Doch allmählich machen sich die Elektroantriebe auch in anderen Klassen breit und bedrohen das klassische Limousinen-Design. Seit Jahrzehnten das Grundnahrungsmittel der Autowelt, das seit 1947 einem Design-Merkmal des von Raymond Loewy entwickelten Studebaker Champion folgt: Dem Drei-Box-Design, bestehend aus der Dreifaltigkeit Haube, Fahrgastzelle, Kofferraum.
Im Gespräch mit "Top Gear" erklärt Wagener, "die Elektrifizierung wird das Drei-Box-Design der Limousinen killen, aus verschiedenen Gründen". Da wäre zum einen die Aerodynamik, wichtig für die Reichweite. Da lassen sich mit dem klassischen Layout an sich gute Ergebnisse erzielen; nicht zuletzt bei Mercedes waren die letzten cW-Wert-Rekordhalter viertürige Coupés (CLA) oder Limousinen (A-Klasse Limousine) mit Stufenheck. Der EQS mit seinem Stummelheck ist ihr noch besserer Nachfolger. Aber: "Mit einem 15 Zentimeter hohen Batteriepack sieht eine Limousine einfach nicht gut aus, sie sieht Scheiße aus," so Daimlers Chefgestalter wohl wörtlich. Im englischen Interview ist er mit "s..." zitiert. Man müsse daher, so Wagener, etwas tun, um die Höhe visuell zu "verdauen". Im Bezug auf den Mercedes EQS als Elektroversion der S-Klasse und EQE (siehe Fotoshow) als elektrische E-Klasse, beide klassische Limo-Modelle, habe man sich "dieses mutige Design ausgedacht, weil es gestreckt und stylish" aussehe.
Ein Sportwagen ist so einfach zu zeichnen
Auch wenn Mercedes über viele Jahre mit seinen Limousinen dieses Drei-Box-Design prägte, den Verlust betrauert Wagener "nicht wirklich". Eine solche Limousine sei das am schwierigsten zu gestaltende Auto. "Ein schöner Sportwagen ist so einfach!"
Und weil die Elektrifizierung die Proportionen von Autos verändere, müsse man sicherstellen, dass nicht alle Modelle gleich aussehen. "Aber diese Angst besteht seit 30 Jahren. Wir haben es geschafft, sie früher anders aussehen zu lassen und ich bin zuversichtlich, dass wir das auch in Zukunft schaffen werden", so Wagener.
Gesichtslose Frontends und Supercomputer auf Rädern
Im Hinblick auf den Stellenwert des Autos in der Gesellschaft müssen Autos also in der Zukunft weniger aggressiv und weniger aufdringlich sein, fragt Top Gear? "Diese Frage stellen wir uns seit 20 Jahren. Am Ende macht es einen großen Unterschied, wie gut oder schlecht das Design ausfällt." Der Kühlergrill bei E-Autos verschwindet, "all diese neuen Start-ups haben gar keinen Grill mehr, sie haben gesichtslose Frontends. Sie sind ein wenig anonym und sehen sich alle sehr ähnlich. Aber sehen sie aggressiv aus? Nein, sie sehen aus wie ein Supercomputer auf Rädern", erklärt der Design-Boss. "Vielleicht muss aber ein Auto auch wie ein Computer aussehen und weniger wie ein aggressives Tier", wenn das Autofahren reguliert werde und das Auto zum Fahrer wird. Allerdings schränkt Wagener ein: Auch ein E-Auto brauche Kanten und eine gewisse Physiognomie, um es dem Menschen ähnlich zu machen. "Das ändert sich nicht". Und ja, "wir bewegen uns vom aggressiven Design weg".