Autoradios im Test: Teuer ist nicht immer gut

Autoradios im Test
Teuer ist nicht immer gut

Es war nur ein kurzer Aufruf auf den Nachrichtenseiten in Ausgabe 16/2014: Wie zufrieden sind Sie mit dem Radioempfang in Ihrem Auto?, lautete sinngemäß die Frage. Doch die hat den Nerv vieler Leser getroffen. Schon in den ersten Tagen nach Erscheinen des Heftes gingen Dutzende E-Mails ein, bis heute berichten uns Autofahrer ihre Erfahrungen. Der Tenor: Die Empfangsqualität heutiger Autoradios ist im Vergleich zu früher hörbar schlechter geworden. Ganz besonders spannend sind dabei die Beobachtungen markentreuer Fahrer, die mehrere Generationen des gleichen Modells aus eigener Erfahrung kennen und die Verschlechterungen deshalb am besten beurteilen können.

Für auto motor und sport war das Grund genug, einen UKW-Test mit acht aktuellen Autos durchzuführen. Denn trotz MP3 und Musik-Streaming vom Smartphone ist das gute alte Radio immer noch die beliebteste Unterhaltungsquelle der Autofahrer. Bei einer auto motor und sport-Umfrage im letzten Jahr gaben 60 Prozent der Teilnehmer an, während der Fahrt am liebsten Radio zu hören.

Top-Infotainment-Anlagen enttäuschen

Umso enttäuschender das Ergebnis: Nur drei der acht Mittelklassewagen boten eine vernünftige Radioqualität (Audi Q5, BMW 3er, VW Golf Sportsvan) und waren in der Lage, selbst unter etwas schwierigeren Bedingungen noch eine rauscharme Klangqualität zu liefern. Vier Fahrzeuge schafften das hingegen nicht, darunter auch die neue C-Klasse von Mercedes – dem Hersteller, der einst zusammen mit seinem Hauslieferanten Becker den Maßstab für Empfangsqualität setzte. Aber auch Mazda 6, Mitsubishi Outlander und Opel Zafira Tourer fielen in Sachen UKW-Empfang durch.

Was noch betrüblicher stimmt: Bei den Testgeräten handelte es sich keinesfalls um die serienmäßigen Basis-Empfänger, bei denen Sparmaßnahmen noch nachvollziehbar wären. Alle Testfahrzeuge waren mit Top-Infotainment-Anlagen für teils mehrere Tausend Euro Aufpreis ausgestattet. Offenbar betreiben die Hersteller schlicht zu wenig Aufwand, um einen guten Radioempfang zu gewährleisten.

Das ist aber selbst bei einer jahrzehntealten Analogtechnik wie UKW noch notwendig. Im Gegensatz zum heimischen Empfänger muss ein Autoradio nämlich in der Lage sein, permanent zwischen unterschiedlichen Frequenzen ein und desselben Senders hin- und herzuwechseln. So wird SWR1 in Stuttgart beispielsweise auf 93,3, 94,7, 98,8 und 99,6 MHz ausgestrahlt. Sobald eine Frequenz schwächer wird und es zu rauschen beginnt, wechselt ein guter Tuner nahezu unhörbar auf eine Alternativfrequenz. Gleichzeitig ist er empfindlich genug, um auch Signale weit entfernter Stationen einzufangen (Fernempfang) und sich dabei nicht von einer starken Nachbarfrequenz dazwischenfunken zu lassen (Trennschärfe). Dass diese Anforderungen beherrschbar sind, bewiesen viele Radios schon in den 1990er-Jahren.

In der Entwicklung wird gespart

Warum sich heutige Auto-Empfänger so schwertun, hat uns der Entwickler einer ehemals renommierten deutschen Radio-Herstellerfirma (nein, nicht Becker), die inzwischen in einem großen Konzern aufgegangen ist, unter der Hand verraten. Das Problem liegt seiner Meinung nach nicht nur im viel zitierten Kostendruck auf die Zulieferer beim Einkauf der Tuner- und Antennen-Hardware (meist drei Tuner mit eigener Antenne pro Auto), sondern auch bei der Abstimmung. Sprich: In der Entwicklung wird gespart.

Was es so schwierig macht: Oft stammen die Komponenten von verschiedenen Lieferanten. So kann es sein, dass ein Infotainment-System von Hersteller A kommt, die darin enthaltenen Radio-Tuner jedoch von Hersteller B, die Antennen von Firma C und die Software von Firma D. Und zwar unterschiedlich für jedes Radio- und Fahrzeugmodell. Hinzu kommen verschiedene Karosserieformen, die jeweils andere Empfangsbedingungen für die Scheiben- und Kotflügel-Antennen liefern. Als ob das noch nicht reichen würde, gibt es für jede Komponente Zweit- oder Drittlieferanten. Schließlich machen sich Autohersteller ungern von einem Zulieferer abhängig.

Angesichts dieser Komplexität und sinkender Margen bleiben die eigentlich nötigen Abstimmungsfahrten im wahrsten Sinne des Wortes auf der Strecke. Viele Firmen behelfen sich mit Computersimulationen, die jedoch nur ungenügend die Alltagsbedingungen auf der Straße widerspiegeln. Zudem bringt im Connectivity-Zeitalter ein schlichtes Radio für den Hersteller keinen Image-Gewinn mehr. Die Technik muss einfach da sein und irgendwie funktionieren. Und das hört man dann eben.

Bessere Klangqualität durch DAB

Doch für Radiofans gibt es immerhin eine Lösung, und die heißt Digitalradio. Viele Hersteller bieten inzwischen Zusatzempfänger für DAB (Digital Audio Broadcasting) an, die allerdings nochmals zwischen 200 und 500 Euro Aufpreis kosten. Immerhin sind sie bei einigen Modellen in den großen Infotainment-Systemen enthalten. Im Auto arbeitet die DAB-Box im Verbund mit dem UKW-Radio: Wird das digitale Signal zu schwach, schaltet sie automatisch auf UKW.

Neben dem Empfang profitiert vor allem die Klangqualität von der Digitaltechnik. Auch wenn der Sound nicht ganz an die häufig beschworene "CD-Qualität" herankommt, spielt DAB immerhin locker auf dem Niveau guter MP3s. Allein der Wegfall des typischen Rauschens sorgt während der Fahrt für wohltuende Entspannung. Nicht zuletzt strahlen viele DAB-Sender Zusatzinformationen wie Plattencover, Nachrichten, Verkehrsinformationen und Wettervorhersagen aus, die sich auf dem Bordmonitor darstellen lassen.

Ab 200 Euro auf Digitaltechnik umsteigen

DAB ist jedoch nicht nur was für Neuwagenkäufer. Wer noch ein Fahrzeug mit klassischem DIN-Schacht besitzt, findet im Zubehörhandel ab 200 Euro entsprechende Radios. Zudem sind für viele Autos Adapterblenden fürs Armaturenbrett erhältlich, die ein Nachrüstradio aufnehmen. Einen guten Überblick über das Angebot an Heim- und Auto-Empfängern gibt die Seite www.digitalradio.de, die auch passende Antennen auflistet.

Doch bei aller Freude über die Digitaltechnik: Solange die Hersteller hohe Aufpreise für DAB-Boxen verlangen oder sie gar nicht erst anbieten, dürfen ihre Kunden vernünftige UKW-Tuner erwarten.

Epfangsqualität von Autoradios - So haben wir getestet

Auf einer Testroute in und um Stuttgart mussten die acht Kandidaten beweisen, dass sie auch Sender mit schwächeren UKW-Signalen (z.b. HR3 noch ordentlich empfangen. Zudem ging es durch Regionen, bei denen geschicktes Umschalten zwischen verschiedenen Frequenzen desselben SWR-Senders gefragt war. Da Wetterbedingungen den Empfang beeinflussen, wurden die Tests an mehreren Tagen wiederholt durchgeführt.

DAB als lohnende Investition

Obwohl seit fast 20 Jahren ausgestrahlt, hat sich DAB noch immer nicht zum selbstverständlichen Radiostandard entwickelt. Der zum Empfang notwendige Zusatztuner wird nicht von allen Autoherstellern angeboten, und wenn, dann kostet er meist zwischen 200 und 500 Euro Aufpreis. Dabei lohnt sich die Investition inzwischen durchaus, seit der Umstellung von DAB auf DAB+ vor drei Jahren hat sich das Senderangebot nämlich deutlich erhöht. So gibt es ein deutschlandweit empfangbares Ensemble von 12 Sendern, darunter Deutschlandfunk, aber auch Musikkanäle wie Absolute Relax. Regionale Sender erweitern das Angebot je nach Bundesland auf 25 bis über 60 Sender, öffentlichrechtliche (WDR, NDR etc.) ebenso wie private Stationen. Neben den hohen Tuner-Preisen sind es jedoch auch Empfangslücken, die für Zurückhaltung bei den Käufern sorgen. Vor allem im Norden und Osten Deutschlands kann der Empfang schon mal abreißen, aber auch in ländlichen Gegenden des Südens kann das DAB-Signal ausbleiben. Wenn es den gehörten Sender nicht auf UKW gibt, schaltet das Radio in solchen Fällen auf stumm. Auf www.digitalradio.de finden sich immerhin recht präzise Abdeckungskarten einzelner Bundesländer. So kann sich jeder informieren, ob auf seiner Hausstrecke DAB zu empfangen ist.