Probe zur deutschen Sommer-Bohème. Noch ohne Szenenbild, aber der Hauptdarsteller spielt so plastisch, dass wir uns das Drumherum denken können. Bühne frei für den Boxster Spyder, Porsches Ermahnung an den ehrgeizigen Winter, endlich zu verdampfen - und dem Frühjahr mit sonnigen Cabrio-Stunden Platz zu machen.
Porsche Boxster Spyder im Test: Ein Sonnensegel löst die automatisierte Allwetter-Markise ab
Wie oft haben wir während des Tests den fummeligen Verdeck-Bausatz erst auseinandergelegt, dann wieder zusammengebaut, nur um Schneefall-Pausen auszunutzen. Denn das macht den Porsche Boxster zum Spyder: Er tauscht seine automatisierte Allwetter-Markise ein gegen ein flatteriges, imprägniertes Sonnensegel - von Hand zu montieren. Mit dem Verlust des Knopfdruck-Verdecks gewinnt er an Ehrlichkeit; dieser Porsche ist ein wirklich offenes Auto.
Seit jeher wettern Windgesichter gegen die Verweichlichung des Offenfahrens. Für sie gibt es den Porsche Boxster Spyder (der Porsche Boxster Spyder im Fahrbericht), innerhalb der Mittelmotor-Baureihe das rudimentärste, aber gleichzeitig teuerste Modell - ein Paradoxon, das Porsche-Käufer längst akzeptiert haben. So kostet der Spyder mit 63.404 Euro etwa 7.000 Euro mehr als ein Porsche Boxster S.
Der Porsche Boxster Spyder verlor vor allem an Gewicht
Was gibt es weniger für mehr Geld? Vor allem Gewicht. Notverdeck, Heckklappe aus Aluminium statt Stahl, das spart 21 Kilogramm, 15 die Türen aus Leichtmetall, zwölf die Schalensitze, sieben der kleinere Tank. Der Spyder-Testwagen wiegt 1.328 Kilogramm mit Klimaautomatik (1.499 Euro, 13 Kilogramm) und Navigations- samt Soundsystem (3.505 Euro, acht Kilogramm) - für Sportfahrer entbehrlicher Ballast. Denn die Sommerhitze lässt man sich vom Fahrtwind aus dem Gesicht streichen, die Beschallung übernimmt der Sechszylinder, und verfahren kann man sich in einem Porsche ohnehin nicht: Jede Route ist richtig - besonders im Porsche Boxster Spyder.
Test: Was bietet der Spyder mehr als der Boxster S?
Den zehn PS stärkeren Motor des Porsche Cayman S, 19- statt 18-Zoll-Räder sowie eine um 20 Millimeter abgesenkte Karosserie - und mehr Exklusivität. Er ist kein Porsche Boxster, sondern der Porsche Spyder. Rückblickend waren puristische Sonderformen stets die besten Wertanlagen. Aber sie schlossen Zartbesaitete aus. Und wie hart muss man für den Porsche Boxster Spyder sein? Ein Test, Start, geschlossen. Schon ab 140 km/h verliert das Verdeck an Spannung. Durch den Spalt am Übergang zur Seitenscheibe passt eine flache Hand - bei 200 km/h (mehr erlaubt Porsche geschlossen nicht) konkurriert der Wind mit Motörhead um die Dezibel-Hoheit. Wem bei Heavy Metal die Ohren sausen, der ist zu weich für den Spyder.
Der Spyder macht geöffnet weniger Radau im Test als geschlossen
Dach auf. Die nötigen Handgriffe umfassen klappen, ziehen, knöpfen, wickeln, entriegeln, zusammenfalten und anschließend verstauen - in einer Art Verdeckkasten über dem Motor. In eine kleinen Mulde passt die eingerollte Heckscheibe aus Kunststoff, darüber der Stoff samt Gestänge. Nach etwas Übung benötigt man fürs Öffnen oder Schließen etwa zweieinhalb Minuten. Im Ernstfall wäre der Innenraum dabei nass geregnet. Wer keine kalte Dusche verträgt, ist also zu weich. Wir starten erneut, diesmal oben ohne. Erstaunlich: Der Porsche Boxster Spyder macht geöffnet weniger Radau als geschlossen; es zischt nicht so unangenehm auf dem Weg zur Höchstgeschwindigkeit von 267 km/h. Trotzdem reißt der Orkan Kappen, die nicht festgeklettet sind, fort. Offenfahren als Naturereignis. Natürlich beherrscht der Porsche Boxster Spyder auch im Test das mondäne Flanieren. Gerne lädt man seine Liebste zum Ausflug über eine Promenade ein. Doch im Grunde seines Herzens ist der Spyder ein einsamer Wolf, den es in die Provinz-Steppe zieht. Auf die verlassene Landstraße. Hier soll er sich beweisen.
Der Boxster Spyder erhält breitere Reifen und ein strafferes Fahrwerk
Hoch umschließen die aufpreisfreien Schalensitze den Körper, fixieren ihn zum Genuss der Fliehkräfte. Da ist wohl einiges zu erwarten, auch weil der Spyder serienmäßig mit breiteren Reifen und strafferem Fahrwerk antritt - eindeutig gusseisern. Zwar spricht die Federung zunächst auf Unebenheiten unerwartet gut an, zeigt aber bei langen Bodenwellen ihren taffen Charakter. Wer Kreuzprobleme hat, ist definitiv zu weich für den Porsche Boxster Spyder. Es handelt sich nicht um eine Poser-Tieferlegung. Härte heißt Dynamik: Der Porsche Boxster Spyder im Test lenkt mit perfektionistischer Ernsthaftigkeit ein und dreht so filigran aus seinem Kraftzentrum, wie es nur Mittelmotor-Sportwagen beherrschen. Trotzdem ist er kein Lastwechsel-Heißsporn, sondern bleibt berechenbar neutral. Doch verglichen mit dem ebenfalls talentierten Porsche Boxster S rufen die Fahrdyamikwerte den Spyder nicht als Monolithen seiner Zunft aus.
Porsche Boxster Spyder im Test: Die Klappen des Sportauspuffs lassen sich per Knopfdruck öffnen
Immerhin unterbietet die handgeschaltete Version ihre Werksangaben beim Beschleunigen: 4,9 statt 5,1 Sekunden von null auf Tempo 100. Gerne gibt man dabei dem Drängen des enthemmten Boxers nach, genießt seine Wildheit. Vor allem, wenn sich per Knopf die Klappen des Sportauspuffs (1.916 Euro) öffnen und der 3,4-Liter vom Säuseln ins Schnorcheln wechselt - am besten open air zu genießen. Kreiiert man als Maß für die Zugigkeit die Windheit, so erhöht sie sich im Vergleich zum Boxster nicht. Ein kritischer Blick auf die Frontscheibe des Porsche Boxster Spyder zeigt: Anders als bei früheren Speedster-Modellen oder beim Umbau von Alois Ruf ist der Scheibenrahmen des Porsche Boxster Spyder nicht verkürzt. Bei geöffneten Seitenfenstern strömt demnach weder mehr Luft noch mehr Landschaft in den Innenraum.
Der Reiz des Porsche Boxster Spyder zentriert sich auf seine Einmaligkeit
Natürlich ist die Erlebnis-Intensität hoch; so wie im Porsche Boxster S mit Optionsreifen und Sportfahrwerk. Der Reiz des Porsche Boxster Spyder zentriert sich auf seine Einmaligkeit: Womit vergleichen? Mit dem verschrobenen Morgan Aero 8 oder etwa dem sündteuren Lamborghini Murciélago Roadster? Wie dieser ist der Porsche Boxster Spyder ein Präsenz-Protz - mit sexy Hutzen und schmaler Nutzbarkeit. Das wird seine Verbreitung einschränken. Und darum geht es doch den nach Individualität strebenden Käufern. Dann zahlen sie für weniger gerne mehr.
Porsche Boxster Spyder | |
Grundpreis | 64.118 € |
Außenmaße | 4342 x 1801 x 1231 mm |
Kofferraumvolumen | 280 l |
Hubraum / Motor | 3436 cm³ / 6-Zylinder |
Leistung | 235 kW / 320 PS bei 7200 U/min |
Höchstgeschwindigkeit | 267 km/h |
0-100 km/h | 4,9 s |
Verbrauch | 9,7 l/100 km |
Testverbrauch | 12,2 l/100 km |